Die Reise
der SY RESOLUTION von April 2024 bis Juli 2025
Den 1. Teil der Reise kann man hier nachlesen:
Und den zweiten Teil hier:
Hier kann der vierte (nächste) Teil gelesen werden: https://resolution-3.jimdosite.com
31. März 2024, 09°33´N, 089°41´W (Nordpazifik), 3.200nm bis zu den Marquesas
Am Gründonnerstag fahren wir los, der Karfreitag ist dem abergläubischen Seemann zu
gefährlich. Wegen Windmangels ankern wir nochmal in einer Bucht an der corstaricanischen
Küste, dann verlassen wir Amerika endgültig. Der Wind empfängt uns mit Stärke 6, die erste
Nacht ist nicht so gemütlich. Dafür verabschiedet er sich gestern Nacht komplett, wir müssen 30l Diesel verbrennen, um wieder in die Windzone zu kommen und um den Tankinhalt zu verringern, der immer noch beständig durch die obere Tankdichtung ins Schiff tropft.
Nach nur 2h beißt aber eine kapitale Pferdemakrele auf unseren rotweißen Köder, das ist
positiv.
Negativ ist: die Sicherung des Tiefkühlers brennt durch, das eingefrorene Fleisch wird mal
wieder warm.
Positiv ist: Da die Kontrollintervalle aufgrund schlechter Erfahrungen verkürzt wurden,
entdecke ich dies rechtzeitig und kann durch Umlagern in das kleine Eisfach des
Kühlschranks und zeitnahe Zubereitung den Totalverlust verhindern. Für die Sicherung habe
ich Ersatz an Bord.
Negativ ist: die Batterie wird nicht mehr geladen,
Positiv ist: ich entdecke den Fehler (die Sicherung des Lichtmaschinenladegeräts ist
durchgebrannt) und habe auch hierfür Ersatz.
Negativ ist: der Topnant verklemmt sich hinter dem neuen Toplicht, das geht dabei kaputt.
Positiv ist: Ramon läßt sich in den Mast ziehen und klariert den Topnanten.
Die Strategie für den Weg auf die Marquesas sieht so aus: Wir fahren ungefähr noch 1 Woche
auf dem 9. (nördlichen) Breitengrad nach Westen und biegen auf Höhe von Clipperton Island
(noch nie von gehört; ist tatsächlich ein Mini-Atoll im Nirgendwo) nach Süden ab. Weil dort
die Innertropische Konvergenzzone am schmalsten und flautenärmsten sein soll. Der Wind ist momentan schon recht flau (3-4Bft.) und volatil. Alle Nase lang müssen die Spibäume gesetzt und wieder weggeräumt werden..
02. April 2024, 09°56´N, 092°231´W (Nordpazifik), 3.000nm bis zu den Marquesas
Der alte Wetterbericht ist ein notorischer Lügner: das Windband auf 09°N mit Ostwind von
Costa Rica bis Clipperton Island existiert gar nicht. Der neue Wetterbericht und die
tatsächliche Situation überführen ihn. Der neue Wetterbericht läßt das Windband ab 95°W
beginnen, in ca. 150nm Entfernung von hier. Aber morgen ist der neue Wetterbericht auch ein
alter Wetterbericht. Der Dieselvorrat sinkt.
Wenn mal ein bißchen Wind ist, segeln wir natürlich, zumal das Schiff bei Leichtwind recht
gut läuft. 5-6kn Wind reichen für 3-4kn Fahrt. Und die Macht ist mit uns, der
Nordäquatorialstrom schiebt mit über 2kn nach Westen. Damit kommen wir gestern immerhin noch auf ein Etmal von 88nm.
Außerdem kann ich mich - weil der Stille Ozean besonders still ist - in den Mast ziehen lassen
und das Deckslicht reparieren, ein Kabel ist abgerissen.
Wir verbrauchen zuviel Strom, die Batterien gehen in die Knie. Der Tiefkühler wird geleert
und abgeschaltet, die Elektrowinschen werden auf Handbetrieb umgestellt. Daß die Segel ab
Mittag die Solarpaneele verschatten, kann leider nicht verhindert werden. Der Windgenerator
hat sowieso Urlaub.
Seit gestern knarzt das Schiff fürchterlich laut. Nach intensiver Suche stellen wir fest, daß das Geräusch zwischen Mast und Mastfuß entstehen muß. Der Mast bewegt sich leicht auf dem Fuß, ob er das bisher auch getan hat, weiß ich nicht. Wenn, dann schweigend. WD40 hilft nicht. Es nervt.
Der Pazifik wimmelt von Delfinen. Wir sind auf einmal mittendrin, bestimmt über 100 Tiere.
Es schnauft und niest und springt und platscht um uns herum. Kapriolen und Luftsprünge,
wohin man schaut. Bestimmt fünf Meter hoch schrauben sich die sportlichsten Tümmler.
05. April 2024, 09°20´N, 096°55´W (Nordpazifik), 2.800nm bis zu den Marquesas
COG: 260°
SOG: 6,5kn
Etmal: 129nm
Wind: NE 4-5
Wetter: 30°C, heiter
Fische: keine (dafür 3 Sturmvögel am Haken, man kann ihn aber herausoperieren)
Vorräte: verbraucht: Ananas, Rindfleisch, Chorizo, Auberginen , Brot
Wir sind im Passat angekommen. Zwar ist es noch der Nordost-Passat, aber immerhin, es geht zügig voran. Der Diesel wird nur noch gebraucht, um die Kaffeemaschine zu betreiben.
Das Flautensegeln hat aber auch seinen Reiz, die nächtliche Stille auf dem Stillen Ozean,
wenn tatsächlich KEIN Laut zu hören ist, weder von der See, noch vom Schiff, noch vom
Segel, noch von den Delphinen, noch von den Sternen, ist ohrenbetäubend. Das hatte ich
bisher noch nicht.
Jetzt ist der DuoGen, mein Wind- und Wassergenerator - laut Verkäufer „robuste alte
englische Technik“ – kaputt gegangen. Erst hat er laute Laufgeräusche, dann rumpelnde
Knackgeräusche und dann gar keine Geräusche mehr von sich gegeben. Die Lager müssen
sich völlig ausgeschlagen und dann festgefressen haben, man kann die Welle nicht mehr
bewegen. Der Reparaturversuch endet vor dem offenen Generator und der Unmöglichkeit, die
Lager auszubauen und zu wechseln. Also Strom nur noch aus Sonne und Diesel. Toll.
07. April 2024, 09°12´N, 102°05´W (Nordpazifik), 2.500nm bis zu den Marquesas
COG: 250°
SOG: 5,5kn
Etmal: 132nm
Wind: NNE 4
Wetter: 30°C, heiter
Fische: keine (dafür 2 Tölpel am Haken und 2 Bisse, 1 Köder, 2 Vorfächer und einen
Haken verloren)
Vorräte: verbraucht: Granadillas
Alle 900nm weiter westlich müssen wir die Uhr eine Stunde zurückstellen, das ist heute
erstmalig geschehen.
Es zuckt an der Angel, diesmal ist es keiner von den Tölpeln, sondern man sieht hinter dem
Köder einen gewaltigen schwarzen Schatten mit bläulich schimmernden Brustflossen und
dreieckiger Rückenflosse herjagen. Dann ein Ruck, die Angel biegt sich komplett durch, die
Trommel jault unter der ausrauschenden Schnur gequält auf. Nach ein paar Sekunden ist der
Spuk natürlich vorbei und ich beginne, die Schnur in Erwartung eines abgerissenen Köders
einzukurbeln. Aber nein, der Köder ist noch dran. Nur die vordere Hälfte des Hakens ist weg,
die Bruchstelle sieht aus, als hätte man den 1,5mm-Stahl mit dem Seitenschneider sauber
abgeknipst.
Schröckliche Gefahren lauern im Meer, förchterlich schröckliche…
Vorgestern waren wir noch baden.
„Und der Haifisch, der hat Zähne…“
09. April 2024, 08°10´N, 107°00´W (Nordpazifik), 2.200nm bis zu den Marquesas
COG: 260°
SOG: 6kn
Etmal: 165nm
Wind: NNE 5
Wetter: 31°C, heiter
Fische: keine
Vorräte: verbraucht: Tomaten, Paprika, Fruchtjoghurt, 1. Gasflasche
Kein Fisch, kein Schiff, kein Flugzeug. Aber immerhin ist gestern guter Wind gewesen und
wir haben trotz des Nordstromes, der in keiner Karte verzeichnet ist, ein anständiges Etmal
absolviert.
Wie auf der Atlantikpassage hat sich die untere Befestigung der Windsteueranlage gelöst, die
ich ja mit selbstsichernden Muttern und Kontermuttern verschraubt hatte. Also wieder mal ab
in den Sarg und nachziehen, Ramon hält außen am Heck gegen. Mittlerweile sind die
Schraubenlöcher ausgeschlagen und ich brauche eine Endlösung. Wahrscheinlich Epoxy rein
und neue Löcher bohren. Das geht aber erst an einem ruhigen Ankerplatz.
Die Bordroutine bringt - auch mit Ramons Hilfe – alle drei Tage ein frisches Brot hervor.
Ansonsten viel Ruhe und Lesezeit. Ich habe drei Revierführer für den Südpazifik an Bord,
und dort gibt es einige Inseln. Die Marquesas und die Gesellschaftsinseln sollen die
spektakulärsten sein.
10. April 2024, 08°N, 110°W (Nordpazifik), 2.030nm bis zu den Marquesas
COG: 270°
SOG: 5kn
Etmal: 144nm
Wind: W 2
Wetter: 29°C, Dauerregen
Fische: keine
Vorräte: verbraucht: Fleisch (letztes Hähnchen als Züricher Geschnetzeltes mit Rösti),
Bananen
Grau, Regen, Flaute von vorn, Motorfahrt. Immerhin sind wir und das Schiff frisch geduscht.
Die Ablagerung von Dreck ist auch mitten auf dem Meer nicht zu stoppen. Alle Handtücher
sind einmal gewaschen, im Eimer per Hand. Die Bettwäsche wäre jetzt auch dran, aber bei
Regen ist das mit dem Trocknen schwierig.
Wir haben noch drei Tage Fahrt auf dem achten Breitengrad vor uns, dann sollten wir
langsam nach Süden abbiegen. In die Doldrums, die Zone der Flauten und des Regens. Hm.
Erstaunlich viele Vögel treiben sich hier rum, Basstölpel, Sturmvögel und Sturmschwalben.
Zwei kleine Kalmare liegen morgens an Deck, sonst ist vom Fischreichtum des Pazifiks
nichts zu sehen.
12. April 2024, 07°30‘N, 113°W (Nordpazifik), 1.850nm bis zu den Marquesas
Der Versuch, schon jetzt nach Süden zu kommen, ist kläglich gescheitert. Gegen den NNW-
Stom und gegen den schwachen SSE-Wind besteht keine Chance. Ich muß abfallen und
wieder auf W-Kurs gehen, bis sich eine echte Brücke auf die Südhalbkugel zeigt.
Wahrscheinlich erst nach 800nm. Leider haben wir uns durch den Versuch aus der Windzone
heraus bewegt und dümpeln nun mühevoll wieder von unterhalb des achten Breitengrades zu
diesem zurück. Einen Vorteil hat die Sache, hier unten ist die Gegend schöner und das Wetter
besser. Blaue See und Sonnenschein.
14. April 2024, Tag 18, 08°30‘N, 117°15‘W (Nordpazifik), 1.720nm bis zu den Marquesas
COG: 250°
SOG: 7kn
Etmal: 120nm
Wind: NE 4-5
Wetter: 29°C, bedeckt mit gelegentlichen Squalls
Wellen: 2m
Fische: keine
Vorräte: verbraucht: Rote Bete, Mangos
Bergfest! Die Hälfte der direkten Strecke von 3.500nm ist geschafft, allerdings mit 3 Tagen
Verspätung. Der Ausflug nach Süden hat uns davon einen halben Tag (und 40l Diesel)
gekostet. Ansonsten kann es sein, daß wir die ganze Zeit zu weit südlich gefahren sind. Je
weiter nördlich, desto mehr Wind und desto weniger Gegenstrom (?), aber auch desto mehr
Strecke. Außerdem ist die südliche Passatwindzone ja mit Regen und Squalls durchsetzt, von
denen uns heute Nacht und am Morgen vier überrollen, mit Windstärke 7 und ganz viel
Süßwasser bis durch die Salontür. Da ich weiß, daß das so ziemlich die Maximalstärke ist und die Sache nur von kurzer Dauer (meist 30min), nehme ich es gelassen hin. Rechtzeitig reffen, fast platt vor den Wind gehen und abwarten. Im Notfall selbst steuern, aber dabei wird einem nach 10min recht kühl.
Momentan läuft es unter Passatbesegelung (Genua nach steuerbord, Fock nach backbord
ausgebaumt, kein Groß) recht gut, bis auf den Fischfang. Und die Stromgewinnung, denn es
ist bedeckt und der DuoGen ist ja tot.
Die Uhr wird um eine weitere Stunde zurückgestellt, wir leben jetzt in Alasaka-Time (GMT -
8h). Also 10h später als in Deutschland. Trotzdem gibt es Labskaus zum Abendbrot.
15. April 2024, Tag 19, 08°07‘N, 119°15‘W (Nordpazifik), 1.560nm bis zu den Marquesas
COG: 260°
SOG: 7kn
Etmal: 166nm
Wind: NE 5
Wetter: 29°C, bedeckt
Wellen: 1,50m
Fische: keine
Vorräte: verbraucht: Apfelsinen, 1 kleiner Teller, 1 Klammer, 1 Bettbezug
Entweder es gibt Regen mit Wind im Norden oder es gibt Sonne mit Flaute weiter südlich.
Dazwischen gibt es einen schmalen Streifen, in dem es noch Wind, aber noch keinen Regen
gibt. Da versuche ich uns hineinzumanövrieren, was nur bedingt funktioniert.
Nächtens lockert sich wieder die Windsteueranlage, ich muß Ramon eher wecken, um die
Muttern nachzuziehen. Das ist natürlich der richtige Zeitpunkt für einen Squall, weil ja die
Backskiste offen steht, während ich hinten im Sarg stecke. Alles naß. Also heute
Waffenreinigung und Putz- und Flickstunde. Der ganze hochwertige, aus nichtrostendem
Edelstahl (haha) bestehende Inhalt der Werkzeug- und Nußkästen muß trockengelegt,
entrostet und gefettet, die Backskiste ebenfalls trockengelegt und gereinigt werden.
Wir angeln stereo, Ramons Köder auf steuerbord und meine Angel auf Backbord. Ramon
verliert einen Haken und mein Oktopus einen Tentakel. Mehr nicht.
Bootssichtung! Vier Meilen voraus kreuzt eine amerikanische Segelyacht unseren Kurs, sie
kommt von Nordosten und fährt nach Südwesten, direkten Kurs auf die Marquesas. Dann
müßte sie in zwei Stunden dorthin kommen, wo wir uns vor zwei Stunden wieder rausmotort
haben: in die Flautenzone. Und die wird laut aktuellem Wetterbericht auf diesem Längengrad
in den nächsten drei Tagen immer breiter. Ihre Strategie interessiert mich, aber meine
Funkrufe verhallen unbeantwortet im Äther.
16. April 2024, Tag 19, 08°10‘N, 122°10‘W (Nordpazifik), 1.480nm bis zu den Marquesas
COG: 240°
SOG: 7kn
Etmal: 143nm
Wind: ENE 5
Wetter: 29°C, Dauerregen mit nächtlichen Squalls in Sturmstärke
Wellen: 3m
Fische: keine
Vorräte: Gemüsereste: 1 Gurke, Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Weißkohl, Rotkohl
(das klassische DDR-Sortiment), Obst: 2 Zitronen, 15 Limetten
Die Bolzen zur Befestigung der Windsteueranlage lockern sich immer wieder. Ich muß
täglich in den Sarg zum Nachziehen. Heute bricht der eine von beiden, die Anlage hängt nur
noch an dem anderen und droht abzureißen. Wir sichern sie hektisch mit einem 8er Bolzen,
denn, Katastrophe: ich habe keinen 10er Ersatzbolzen in der erforderlichen Länge an Bord.
Der abgebrochene innere Teil ist Gott sei Dank aber lang genug, um ihn nochmal verwenden
zu können. Außen kommen zwei Muttern drauf, um den Schraubenkopf zu ersetzen, innen
passen dann gerade mal anderthalb Muttern auf das Ende. Die Löcher sind aber zu sehr
ausgeschlagen, um den Bolzen den nötigen Seitenhalt zu geben. Jetzt hilft nur hoffen und
beten.
Seit zwei Tagen herrscht Dauerregen, die Batterien werden von den Solarpaneelen nicht mehr
geladen. Also muß immer wieder der Motor angeworfen werden zur Stromerzeugung.
Der neueste Wetterbericht sagt, daß das Regenwetter noch zwei Tage anhält, aber sich dann
bei 129°W ein Band mit Ostwind durch die ITCZ auf die andere Seite ziehen soll. Hoffentlich
zieht es. Dann können wir am Freitag nach Süden abbiegen.
17. April 2024, Tag 20, 06°55‘N, 124°19‘W (Nordpazifik), 1.350nm bis zu den Marquesas
COG: 240°
SOG: 6,5kn
Etmal: 147nm
Wind: ENE 5
Wetter: 30°C, halb bedeckt
Wellen: 2m
Fische: 1 Bonito (und 1 Vorfach nach heftigem Zug durchgebissen, Köder verloren)
Der gestrige Tag ist noch nicht am Ende. Ich komme auf die Idee, den Hohlraum um die
Bolzen der WSA durch die Einlage von kleine Stücken Aluminiumblechs (aus Bierbüchsen)
wenigstens teilweise zu verfüllen. Besser als nichts, aber eine Stunde schweißtreibende
Arbeit. Jetzt duschen. Nee, iss nich. Es kommt kein Wasser, die Druckwasserpumpe springt
nicht an. Spannung ist da, vielleicht ist der Druckschalter hin. Ersatzdruckschalter einbauen:
geht. Nach fünf Minuten nicht mehr. Rütteln, klopfen, Drähte bewegen: nix. Nach geraumer Zeit geht sie wieder. 5l-Kanister schnell für die Not befüllen. Richtig, denn dann ist wieder
Schluß.
In der Bilge unter der Pumpe steht Wasser mit leichtem Dieselfilm (Reste aus dem
mittlerweile nicht mehr leckenden Dieseltank). Wasser auspumpen, es werden 10l. Woher?
Kein Leck, keine undichten Wassertanks, kein undichter Wassermacher. Alles von dem
Starkregen, der den Salon geflutet hat? Im Motorraum sind auch Wasserreste zu finden,
vielleicht war es so. Wenn kein neues Wasser auftaucht, mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Die Angel ruckt, wir kriegen endlich unseren zweiten Fisch, einen Bonito. Immerhin!
Die Wasserpumpe ist gegen 21:00Uhr nochmal willig, sofort duschen. Blut, Schweiß und
Tränen gehen ab, Sikaflex nicht. Dann endlich Abendbrot und die Mannschaft kann in die
Koje. Manche Tage sind schlimm. Trotz guten Windes, fehlenden Regens und eines Fisches.
Fehler, deren Ursache man nicht findet, sind förchterlich.
Heute weiter Fehlersuche an der Wasserpumpe, nix zu finden. Und jetzt läuft sie natürlich
durch, ohne zu zucken.
Die Sonne scheint mal wieder, wenigstens zeitweise. Gut für’s Gemüt und die Batterien.
21. April 2024, Tag 25, 00°55‘N, 130°45‘W (Nordpazifik), 820nm bis zu den Marquesas
COG: 185°
SOG: 7kn
Etmal: 135nm
Wind: E 4
Wetter: 30°C, sonnig
Wellen: 1m
Fische: 2 Bonitos und 1 Handtaschen-Thun (1 Köder durch Korrosion verloren)
Es geht ab!
Im Moment mit 7kn nach Süden, heute Abend müßte die magische Linie in Sicht kommen
und die Nordhalbkugel verlassen werden können.
Schon seit drei Tagen läuft es sehr gut, kein Regen mehr und passende Winde. Und das,
obwohl wir in den Doldrums, also der äquatorialen Flautenzone segeln. Zeitweise müssen wir
sogar reffen.
Vorgestern während meiner Nachtwache sitze ich still vergnügt im Cockpit und genieße die
Fahrt. Da knallt’s. Der Blick nach oben zeigt den Mast und die Segel im Mondschein, nach
wie vor an der selben Stelle und in der selben Höhe. Der Blick an’s Heck zeigt, daß der
andere Bolzen der Befestigung der Windsteueranlage nun auch gebrochen ist. Mann, das sind 10er Bolzen und keine filigranen Bauteile aus der Feinmechanik! Schlechte Charge erwischt?
Ich wecke die gegen 01:00 Uhr hochmotivierte Crew und steige in den Sarg. Die gute
Nachricht ist, daß der Bolzen kurz vor dem Schraubenkopf abgebrochen und deshalb noch
ausreichend Länge übrig ist, um ihn auch mit zwei äußeren und einer inneren Mutter wieder
verwenden zu können.
Vorher fangen wir tatsächlich stereo zwei Bonitos und müssen einen Teil des Fleisches
einkochen. Gestern nur einen Thunfisch im Handtaschenformat.
23. April 2024, Tag 27, 03°40‘S, 131°05‘W (Südpazifik), 650nm bis zu den Marquesas
COG: 200°
SOG: 7kn
Etmal: 147nm
Wind: NE 4
Wetter: 30°C, heiter
Wellen: 1m
Fische: 1 Bonito
Vorräte: verbraucht: Weißkohl, Nutella, Erdnußbutter
Die Restbolzen der Windsteueranlage halten bisher, der Dieseltank ist dicht, die Bilge leer.
Es ist auch weniger Welle, dafür mehr Sonne und passender Wind. Herrliches Segeln durch
die Vollmondnacht. Die Doldrums werden mein Lieblingsrevier.
Wir fahren am Sonntagabend über den Äquator, Ramon läßt sich extra wecken, um die Füße
während der Querung ins Wasser zu halten. Urplötzlich erscheint Neptun und fordert die
Taufe der Mannschaft, diese wird zu ihrer Begeisterung mit Bilgenwasser vollzogen (als
Dessert gibt’s einen Schluck Rum). Sie heißen jetzt auf der Südhalbkugel Mahi Sauerteig und
Meischder Hämmerlein.
26. April 2024, Tag 30, 09°05‘S, 135°45‘W (Südpazifik), 200nm bis zu den Marquesas
COG: 210°
SOG: 5,5kn
Etmal: 157nm
Wind: ENE 4
Wetter: 30°C, bewölkt
Wellen: 1,5m
Fische: 1 Mahi-Mahi
Vorräte: verbraucht: Rotkohl
Schönes Segeln mit raumem Wind, mal mit einem Reff, meist ohne. Die vorgestrige Nacht
wird ungemütlich wegen einiger Squalls, ansonsten geht es. Die Squalls, die am Tage
kommen, werden zum Duschen benutzt.
Ich verliere einen Köder nach dem anderen, zum Glück sind wenigstens genügend Haken da.
Im Moment habe ich eine leere Zahnpastatube als Köder auf einen Haken gesteckt. Sie zeigt
auch schon Bißspuren, aber den finalen Beweis ihrer Tauglichkeit muß sie noch liefern.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, daß eine Sorte meiner Wirbelverbinder von besonders
mieser Qualität und bereits nach zwei Tagen durchgerostet ist. Die restlichen davon werden
sofort entsorgt.
Zur hellen Freude von Mahi Sauerteig fangen wir endlich den ersten Mahi-Mahi und
verarbeiten eine Hälfte zu Sashimi, die zweite kommt heute dran.
Meine beiden Mitsegler sind Sudoku-Junkies, also immer beschäftigt. Ich putze und bastele
ein bißchen rum, nähe und wasche die Cockpitkissen und lese hauptsächlich. Die Kunst des
Nichtstuns ist schwer zu erlernen, es geht nur langsam voran.
Morgen ist Landfall angesetzt, wahrscheinlich werden wir erst spät abends am Ankerplatz in
der Bay of Virgins (Baie de Vierges) auf Fatu Hiva ankommen. Der Wind soll eher
schwächer werden, so daß nicht mit einer zusätzlichen Beschleunigung zu rechnen ist. Die
Zufahrt sieht aber so aus, als könne man im Dunkeln hineinfahren und ankern. Ab 21:00 Uhr
scheint auch der Mond.
29. April 2024, Hanavave (Bay of Virgins), Fatu Hiva, Marquesas (Französisch Polynesien)
Gefahrene Gesamtstrecke: 4000nm
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 5,5kn
Durchschnittliches Etmal: 132nm (Max.: 170nm, Min.: 88nm)
Aktueller Wind: E 1
Wetter: 29°C, Regen
Wellen: -
Fische: -
Vorräte: verbraucht: Milch, Mehl, Eier
Angekommen! Am 27.04.27 um 20:00 Uhr, also nach 30 Tagen und 8 Stunden. Im Dunkeln
und auf 12m Tiefe hinter den anderen 5 Booten, die in der Bucht liegen, haben wir den Anker
eingegraben.
Vorher hat sich der Angelwirbel geweigert zu drehen, dadurch ist die Schnur auf ganzer
Länge verdrillert und bildet beim Einholen ein unglaubliches Knäuel. Ob das ohne Schere
wieder hinzukriegen ist…
Die morgendliche Schwimm-Runde um‘s Boot offenbart eine kackbraune Bordwand von
Bootsmitte zum Heck bis 40cm über der Wasserlinie, letzteres ist dazu noch von
Entenmuscheln überwuchert. Putzen! Das Wasser selber ist völlig trübe, aber angenehme
27°C warm.
Die Kulisse der Jungfrauenbucht imponiert dramatisch schön, riesige schwarze Felssäulen
bilden ein Tor, das den Blick auf das satte Grün dahinter freigibt. Zu beiden Seiten der Bucht
erheben sich steile Wände, die trotzdem fast vollständig bewachsen und von Ziegen bevölkert sind.
Wir pusten das Dinghy auf und montieren den Motor, der gegen alle Erwartungen sofort und
freudig anspringt. Das Dorf Hanavave unterscheidet sich nicht sonderlich von einem
karibischen Nest, vielleicht etwas weniger Müll. Von den Felswänden und auf der Straße
tröpfelt und fließt Regenwasser. Es gibt nicht einen einzigen Laden, wir fragen einfach bei
einem Haus mit Garten, ob sie uns Früchte verkaufen können und erstehen zumindest
Bananen und Pampelmusen. Voller Tatendrang marschieren wir gleich durch bis zum
beeindruckend hohen Wasserfall (200m?). Der Weg ist so matschig, daß meine „chinese
hiking boots“ in’s Rutschen kommen und ich lieber barfuß gehe.
06. Mai 2024, Atuona, Hiva Oa, Marquesas (Französisch Polynesien)
Zum Einkaufen und Einklarieren fahren wir nach Hiva Oa, hier verläßt Andreas auch das Schiff und setzt seine Weltreise über Neuseeland per Flieger fort. Das Einklarieren kostet nichts (!), dafür kostet alles andere entsprechend mehr. Die Büchse Bier z.B. 3€, und unser Bier ist alle. Aber die örtliche Werft hat 10er Bolzen und schneidet mir passende Längen Stahlrohres mit 10er Innendurchmesser vom laufenden Meter ab, so daß ich die Befestigung der Windsteueranlage reparieren kann. Hoffentlich hält sie die nächsten Jahre.
Die Ankerbucht ist extrem schwellig, obwohl wir mittlerweile einen Platz hinter der Mole ergattert haben. Der Nachbar auf seiner 8m-Nußschale hat heute noch vor dem Frühstück über die Reling gereihert.
Der erste Weg führt am Tankstellenshop vorbei, der frisches Baguette und Camembert im Sortiment hat, wir vertilgen beides noch neben der Zapfsäule.
Über die extrem steile und bergige Insel führt eine Straße, wir nehmen uns einen Mietwagen und machen eine Rundtour. Unser schweizer Fahrer ist in seinem Element.
08. Mai 2024, Baie Hanamenu, Hiva Oa, Marquesas (Französisch Polynesien)
Um für die Tuamotus gewappnet zu sein, verfallen Ramon und ich nochmal in einen kurzen Kaufrausch, inklusive 90l frischen Diesels, der wiederum mit 1,20€/l relativ günstig ist.
Wir sind beide froh, endlich die Wackelbucht verlassen und Segel setzen zu können. Unser heutiges Ziel ist Hanamenu, die Bucht an der Nordwestecke von Hiva Oa, zur Eingewöhnung nur überschaubare 18nm entfernt. Mit achterlichem Wind folgen wir der Inselküste, das Beiboot und die Angelhaken folgen uns.
Die Gegend im Lee der Insel ist viel trockener und hat auch mehr Sonnenschein, in Atuona hat es mehrmals täglich geregnet und war ständig bewölkt.
Am Ufer treffen wir einen alten Eingeborenen, der mit seinem Sohn zur Wildschweinjagd hier ist. Wildschweine sind in diesem Fall verwilderte Hausschweine. Wenn sie keins finden, schießen sie halt eine verwilderte Kuh. Ramon lädt sich spontan dazu ein, ich darf ihn nachts um halb vier an Land bringen. Selbst will ich nicht mit, ich erinnere mich dunkel an einen Vorfall auf den Marquesas vor ein paar Jahren, als ein deutscher Segler mit einem Eingeborenen zur Ziegenjagd aufgebrochen und nie wieder zurück zu Frau und Schiff gekommen ist. Man hat seine verkohlten Überreste später am Lagerfeuer gefunden, seinen Jagdgefährten und Mörder zum Glück auch. Es sind außerdem ganz wichtige Reparaturen an Bord zu machen.
10. Mai 2024, Baie Hanamenu, Hiva Oa, Marquesas (Französisch Polynesien)
Wir haben tatsächlich Schwein, Ramon bringt einen kleinen Teil der Jagdbeute und noch einen Sack voll Pampelmusen mit zurück. Als ich ihn abholen will, ist die Brandung allerdings so stark, daß ich mich nicht traue, mit dem Dinghy an den Strand zu fahren, aus Angst, daß ich kentern und der Motor unter Wasser geraten könnte. Also fahre ich wieder zum Schiff und baue den Außenborder ab, um zum Strand zu rudern. Die Welle ist jetzt allerdings stark genug, um das Dinghy bei der Aktion unter die Badeplattform und deren Befestigungsriegel zu drücken, die nächste Welle drückt den Riegel ins Dinghy. Resultat ist ein 4cm langer Riß und ein kurzes, aber kräftiges „Pfffft“. Da ist mal wieder ein großes Pflaster indiziert.
Es sind noch drei andere Boote gekommen, einer der Amis initiiert ein abendliches „potluck“ an Land: jeder nimmt etwas zu essen mit, vor allem eine komplette, zwei Tage zuvor erlegte Schweinekeule, aus der die Mama der am Strand lebenden polynesischen Familie ein eingeborenes Stew zubereitet. Wir bringen Schmorkraut und Guacamole, die Franzosen Reis und Salat, der andere Ami Rum und Brownies (von denen die Mama total begeistert ist).
12. Mai 2024, Baie du Controleur, Nuku Hiva, Marquesas (Französisch Polynesien)
Über Nacht geht es nach Nuku HIva, denn es sind knapp 80nm, und wir kommen auch nach einer entspannten Fahrt morgens um sieben an. Der östlichste Finger der Controller Bay ist wunderbar geschützt und schwellfrei, dazu gibt’s noch hohe Felsen und überbordendes Grün.
Apropos: über die Bordwand zieht sich von der Wasserlinie bis in einen halben Meter Höhe überbordendes Braun, der Bewuchs und der Dreck sind nach dem Putzen über Nacht wieder da. Der Pazifik ist dreckig. Die meisten anderen Boote haben das gleiche Problem.
Apropos: das Problem mit dem DuoGen Wind- und Wassergenerator hat sich erledigt, er ist tot. Das ausgeschlagene Wellenlager hat genügend dreckigen Pazifik hereingelassen, um innen alle Anschlüsse wegrosten und eine lustige Stalaktitenlandschaft entstehen zu lassen. Da haben keinerlei Reanimationsversuche Aussicht auf Erfolg. Es muß ein neuer Windgenerator her. Die kosten ja fast nix und sind hier überall zu haben.
16. Mai 2024, Daniel’s Bay, Nuku Hiva, Marquesas (Französisch Polynesien)
In Taiohae, der „Hauptstadt“ Nuku Hivas, verproviantieren wir uns, waschen Wäsche und essen eine Pizza. Ich verschicke den verrosteten Generator per Luftfracht auf der Poste Francaise nach England zum Hersteller zwecks Kompletterneuerung. Ansonsten schaukeln wir im Schwell der offenen Bucht. Daher zieht es uns weiter in die Daniel’s Bay, eine vom „Paradiesjäger“ Gangerl Clemens als ein solches deklarierte, fast schwellfreie Bucht. Die freundlichen Eingeborenen, die er vor über dreißig Jahren dort vorgefunden hatte, nehmen heute 1.000 Francs Wegzoll für eine Wanderung zum Wasserfall (nun gut, es ist der dritthöchste der Welt) und 1.800 Francs für ein Dejeuner. Das Paradies ist mittlerweile kostenpflichtig, aber immer noch sehr schön und beeindruckend. Der Weg durch den Dschungel wird von Ruinen gesäumt: Mauern, Wege und Opferplattformen der alten Marquisen. Die waren zu der Zeit, als die erste RESOLUTION diese Gegend erkundete, recht zahlreich: Cpt. Cook schätzte sie auf 100.000. Heutzutage leben ungefähr 6.000 Leute auf den Inseln. Folglich sind die meisten Städte etwas überwuchert. An den Wasserfall kommt man leider nicht direkt ran, nur an das unterste Stück, und das auch nur schwimmend in kaltem, braunem Wasser.
18. Mai 2024, Hakahetau, Oa Pou, Marquesas (Französisch Polynesien)
Gestern gibt es, als spezielles Geschenk zum zweiten Jahrestag meines Reisebeginns, 25nm am Wind nach Oa Pou, das ist ungewohnt und etwas unangenehm. Belohnt wird das Ganze durch den Anblick der spektakulären Felsnadeln Oa Pous, eines der schönsten Panoramen neben der Baie de Vierge. Die Hakahetau-Bucht ist zwar offen und schwellig, aber das sind wir gewohnt.
Heute ist eine Wanderung angesetzt, zum Wasserfall (logisch) und zu Manfred, einem siebzigjährigen deutschen Aussteiger, der seit über zwanzig Jahren hier in den Bergen haust und dort eine sehr gute Schokolade produziert, die er dem touristischen Wanderer (über 1.500 kämen jedes Jahr) gegen gutes Geld gutwillig überläßt. Natürlich erst, nachdem reichlich probiert und reichlich zotige Witze erzählt wurden. Die mitwandernde Crew vom Nachbarboot hat zwei junge Hitchhikerinnen dabei, da läuft er zur Hochform auf. Seinen Strom gewinnt er übrigens per Wasserrad, das über einen 3km langen C-Schlauch mit Bergquellwasser versorgt wird. Pferde, Enten, Hühner, Hunde, Katzen, Obst, Gemüse, Swimmingpool: alles da.
Da wir die Hauptattraktionen damit abgearbeitet haben, können wir uns morgen auf den Weg in die Tuamotus machen, dem Südseeparadies schlechthin. Ob es da Internetz gibt, darf bezweifelt werden. Die Windvorhersage sieht gut aus, also: Nana!
20. Mai 2024, 11°32’S, 140°14‘W (Südpazifik), 380nm bis zu den Tuamotus
Insgesamt sind es gut 500nm bis in die Tuamotus, die aus verschiedenen Atollen bestehen und quer über den Weg den zu Gesellschaftsinseln verstreut liegen. Früher, vor GPS, waren sie gefürchtet, weil sie schlecht kartographiert und sehr flach sind, nachts hört man sie eher, bevor man sie sieht. Das kann dann schon zu spät sein. Thor Heyerdahl ist mit seinem KON TIKI auf Raroia gestrandet. Meist wurden sie links liegen gelassen, die westlichen Atolle befinden sich auf der direkten Route nach Tahiti. Ich will dagegen versuchen, möglichst weit nach Osten zu kommen, um eines der eher selten angelaufenen und vielleicht noch ursprünglicheren Atolle zu erwischen. Dazu muß man halt am Wind segeln, und das ist bekanntlich unbequem. Im Moment hat der Wind noch dazu von ENE auf SSE gedreht, das führt uns leider an den Westzipfel des Archipels. Nun gut, es säuselt nur mit 3-4Bft., das Meer ist also recht friedlich. Und die lange Dünung aus S kann man ganz gemächlich auf und ab fahren. Hoffnung auf Besserung besteht aber immer, der Wetterbericht sagt eigentlich E an.
Apropos Hoffnung: gestern haben wir innerhalb einer Stunde zwei kapitale Schwarzflossen-Thunfische erbeutet. Abends Tartar, heute Filet an Brotfruchtgratin und morgen Thunfischcurry. Der Rest wird eingekocht. Tres bien!
21. Mai 2024, 14°19’S, 140°27‘W (Südpazifik), 160nm bis Raroia
Wir wollen eigentlich nach Amanu, da ist Bobby Schenk mal hingefahren, aber der hatte keine 6 Bft. aus ESE. Die gibt es nämlich seit heute Abend, wir haben von Genua und Großsegel schrittweise runtergerefft auf Fock und gut. Und auf Höhe der Iles de Desappointement(!) das Ziel geändert, Raroia liegt weiter westlich und wir können 40° abfallen. Bis 17:00 haben wir noch tapfer in die Wellen gehämmert, aber dann ist der Enthusiasmus geschwunden. Dem Boot ist es auch lieber so. Und wir müssen ja noch Schwarzflossenthunfischcurry kochen und essen.
Die Ankunft vor dem Paß wird übermorgen in der Nacht passieren, also beidrehen und auf slackwater im Hellen warten, das müßte gegen 09:00 sein. Der erste Paß soll ja wie das erste Mal sein…
23. Mai 2024, Raroia, SE-Anchorage, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Ich freue mich, daß ich hier bin. Und auf der RESOLUTION. Denn insbesondere letztere hat heute Nacht vor ihrem frühzeitigen Tod gestanden, und zwar auf dem Außenriff im Nordwesten von Raroia (Thor Heyerdahl ist damals im Osten gestrandet). Nach über einer halben Stunde geschieht aber ein Wunder und das Boot kommt frei! Es hat mit dem Rumpf schon aufgelegen, die Krängung ist gewaltig, alles fliegt durch die Gegend, der Salon ist voller Scherben. Ich funke erstmalig in meinem Leben MAYDAY, denn unter und hinter mir donnert die Brandung. Im Prinzip ist alles vorbei, da das Boot immer weiter hinein gedrückt wird. Wahrscheinlich gibt es aber hinter diesem Riffstück noch einen etwas tieferen Kanal, in den wir geschoben werden. Der Motor läuft die ganze Zeit auf Vollgas, irgendeine Hand von oben gibt noch einen kleinen Schubs…
Wir fahren wortlos Richtung Paß und warten dort auf Licht und slack, die SHIMSHAL II begleitet uns nach dem Notruf. Aus dem Paß strömt es eine Stunde vor slackwater immer noch mit über 7kn, wir warten und kämpfen uns dann bei 5kn rein, unter Motor, der Wind kommt natürlich von vorn mit 5 Bft.
Ankern und schnorcheln: die untere Hälfte des Ruders ist weggebrochen, das Windsteuerruder ist beschädigt (aber das läßt sich zumindest provisorisch reparieren), der Kiel ist völlig zerkratzt und farblos, der Rumpf an der Steuerbordseite mit Narben übersät. Motor und Propeller scheinen in Ordnung zu sein, in der Bilge und im Ruderraum ist kein Wasser zu finden.
Wir müssen nach Tahiti und in die Werft, möglichst schnell. Das Südseeparadies, dessentwegen ich eigentlich hergekommen bin, findet wohl ohne mich statt. Ob und wann ich einen Werfttermin kriege, ist fraglich, die Ankernachbarn haben einen, aber vor einem halben Jahr gebucht.
Ursachenforschung braucht nicht betrieben zu werden, es handelt sich ganz klar um menschliches Versagen.
30. Mai 2024, Makemo, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Man braucht ein bißchen mehr Zeit im Alter. Und im Unglück. Zum Verarbeiten des Erlebten und zum Reparieren des Kaputten. Das Provisorium an der Windsteueranlage hat nur bis heute gehalten, jetzt ist das zweite in Arbeit. Das Schiff steuert sich nicht gut mit dem abgebrochenen Hauptruder, es fehlt an Lateralplan, der elektrische Autopilot fährt mit großen Ruderausschlägen. Die Schlangenlinien unter Windsteueranlage sind ebenfalls sehr schlangig. Ich fummele in der Elektronik des Autopiloten rum, um ihm die veränderte Situation klar zu machen und ihm ein schnelleres Reaktionsverhalten beizubringen. Mal sehen.
Der Ankerplatz in Makemo ist ein bißchen wacklig, trotzdem muß ich hoch in den Mast, denn die Winddaten fehlen plötzlich. Ich baue den Windsensor oben ab und bringe ihn mit runter, um ihn unten direkt an das Interface anzuschließen. Vielleicht ist ja das Kabel im Mast oder die Steckerverbindung kaputt. Nach ein paar Sekunden wird das Interface glühend heiß und fängt bestialisch an zu stinken und zu qualmen, bevor es sich an einer Seite kraterförmig öffnet. Nun gut, die Steckverbindung und das Kabel waren es also nicht… Ob es nur das Interface selber war oder ob der Sensor den Kurzschluß hat, der das Interface hat durchbrennen lassen – wer weiß? Ein Schiffausrüster in Papeete hat tatsächlich beides am Lager, zum doppelten Preis wie in Deutschland natürlich (sind dann 1.200,-€). Ach ja…
Wenigstens zwei positive Sachen sind bei der Mastbesteigung doch noch herausgekommen: ich habe (mal wieder) das Deckslicht repariert und die schwergängige obere Rollrefftrommel mittels Sprühfett wieder leichtgängig gemacht. Und die Aussicht genossen.
Makemo City ist tatsächlich ein größerer Ort mit mehreren Kirchen, Läden und Restaurants. Es gibt Autos, Dreiräder und Speedboote. Etwas Traditionelles ist weder in der Architektur noch in der Kleidung der Bewohner zu erkennen. Die Südseeromantik hat seit Moitessier, Erdmann und Schenk doch sehr gelitten.
Jetzt fahren wir weiter mit Generalkurs Tahiti nach Fakarava, das soll noch kommerzialisierter sein. Aber es liegt auf dem Weg und hat Ankerplätze direkt hinter dem Ostriff , die dürften wellenfrei und ruhig sein. Man kann sich schließlich aussuchen, ob man vor einem un- oder besiedelten Motu ankert.
Von einem Atoll zum nächsten fahren wir hier immer über Nacht, wir müssen ja bei entsprechender Tide durch den Paß des Startatolls raus und durch den des Zielatolls wieder rein. Und das geht alles nur bei Tageslicht, genau wie eine Fahrt innerhalb der Atolle, denn die stehen voller Korallenköpfe, die bis an die Wasseroberfläche reichen und sich durch den aus den Bahamas bekannten Farbcode zu erkennen geben. Oder durch heftige Bremswirkung.
Es kommt der größte Fisch meiner Fischerkarriere an die Angel (und bleibt dran): eine Goldmakrele von 1,30m Länge. Jetzt haben wir noch ein Verarbeitungsproblem.
02. Juni 2024, Fakarava, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Fakarava ist mit 30nm Länge ein sehr großes Atoll und hat deshalb zwei Pässe, den Süd- und den Nordpaß. Im Süden fahren wir rein und im Norden wieder raus. Pünktlich um 09:00 Uhr zu Slackwater stehen wir am Südpaß, trotzdem brodelt das Wasser. Aus der Nähe erkennt man als Ursache viele dreieckige Flossen: die Haie sind beim Frühstück. Der Paß ist für seine Haidichte berühmt, am Ufer reiht sich eine Tauchschule an die andere.
Die Südostecke von Fakarava ist Bilderbuch-Südsee, die Wasserfarbe von tiefblau bis türkis konkurriert mit dem knallgrünen Palmenstrand um das kitschigste Motiv.
Nach zwei Tagen geht es dann innerhalb des Atolls weiter an die Nordostecke, 25nm Segeln wie auf Schienen vor der geschützten, palmenbestandenen Innenseite des Riffs: das ist zu schön, das kann man nicht umsonst kriegen. Und richtig: heute ist dafür Schalttag: gleich zwei Schalter gehen kaputt: der für den Sterling A2B-Lader und der für das Not-Aus des Motors. Ersteres Problem führt dazu, daß die Batterien nicht mehr über die Lichtmaschine geladen werden, was nicht schlimm ist, weil zweiteres dazu führt, daß der Motor sowieso nicht mehr gestartet werden kann. Letztendlich lösen wir beide Probleme (vorübergehend), indem wir beide Schalter mittels Seitenschneider und Lötkolben wegrationalisieren.
Die vorletzten Teile des großen Mahi-Mahis werden mit Currysauce und Nudeln serviert, die Nudeln sind innovativ: es gibt „Rüssili“. Das sind von Rüsselkäfern befallene Fusili, fast das Gleiche, mit nur einem Arbeitsschritt mehr (Abschöpfen der aufgeschwommenen Käfer mit dem Teesieb).
05. Juni 2024, Anse Amyot, Toau, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Die Anse Amyot steht auch auf der Liste meiner Traumziele. Bobby Schenk hat in seinen „Südseeträumen“ so begeistert davon erzählt, daß ich schon seit über zwanzig Jahren, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, davon „südseeträume“. Die Anse Amyot ist ein „falscher Paß“ an der Nordseite des Toau-Atolls. Der falsche Paß ist ein Paß, der nur ein Stück in das Atoll hineinführt und dann durch Korallen blockiert wird. Man kann also nicht ganz rein, aber das kann das Wasser dann auch nicht, dadurch herrscht kaum Strömung. Die damals hier residierende Familie ist immer noch da, nur haben sich ihre Essenspreise von seinerzeit 0€ (Einladung) auf mittlerweile 50€ (pro Mann) erhöht.
Unter Wasser ist es wunderschön, es gibt reichlich Korallen und Fische: Papageien-, Trompeten- und alle Arten von Aquarienfischen, Weiß- und Schwarzspitzenriffhaie, Rochen und Zackenbarsche. Unsere eigene Bande von Schiffshaltern haben wir aus Raroia mitgebracht, die kommen immer hinter dem Boot vorgeschossen, sobald wir Abfälle ins Meer werfen.
08. Juni 2024, Südpazifik, 70nm vor Papeete
Vor zwei Tagen haben wir die Anse Amyot und auch die Tuamotus verlassen (seufz), um am Sonntag in Papeete anzukommen und am Montag mit der Organisation der Reparaturen zu beginnen. Die Liste ist nur unwesentlich länger geworden: meine Lichtmaschine ist durchgebrannt. Also auch keine Stromproduktion unter Motor mehr möglich. Nur noch über die Solarpaneele (es ist natürlich wolkig) und das kleine Benzin-Notstromaggregat, das sich immer nach 18s wegen Überlastung abschaltet. Ob’s an mir liegt?
Der Wetterbericht sagt zwar Vollflaute für gestern und heute voraus, aber als wir losfahren, geht die Lichtmaschine ja noch und man hätte unter Motor die Batterien mal richtig aufladen können. Und die folgenden Tage sehen nicht windiger aus. Die Flaute kommt aber nicht, sondern es kommt Sturm. Heute Nacht muß ich bis auf’s 2. Reff im Groß und auf’s 3. im Vorsegel gehen. Dazu schralt der Wind noch, Ablaufen führt weg vom Ziel, da drehe ich einfach bei, wecke Ramon und lege mich schlafen.
Seit heute früh um Sechs fahren wir wieder, bei 5 Bft. aus Ost. Wenn es so bleibt, kommen wir heute Abend im Dunkeln an. Der Hafen soll aber gut befeuert sein, zur Not gibt es davor noch eine Ankerbucht.
Zum Abendbrot gibt’s gestern und heute übrigens einen sehr wohlschmeckenden Gelbflosssen-Thun. Davor, noch in der Leichtwindphase, ein Bad im Meer. Bei 3kn Fahrt wird man sauber im Kielwasser.
Die Wellenvorhersage stimmt dagegen, in den letzten zwei Tagen ist von 3m Welle mit einer Periode von 14s die Rede. Das ist in diesem Falle alte Dünung aus Süden, die das Meer zu herrlichen, langgezogenen Hügellandschaften werden läßt. Das Boot wird sanft und langsam angehoben und abgesenkt und nicht rüde rumgeschmissen. Der blaue Odem der See.
11. Juni 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Wir haben im Yacht Club de Tahiti den einzigen freien Liegeplatz erobert und dürfen ihn gegen Geld auch behalten. Der Club ist ruhig und familiär, da läßt es sich aushalten. Mit dem Bus fährt man 20min bis in die Stadt.
An der Waterfront von Papeete lagen vor 40 Jahren alle einschlägig bekannten Segelgrößen vor Anker, Moitessier hat den Guru gegeben, und es wurde Gras geraucht. Vorbei. Moderne Marina, Schwimmstege, sechsspurige, viel befahrene Straße direkt am Wasser, Mode- und Perlengeschäfte dahinter. Die Markthalle ist noch da, aber da habe ich schon quirligere gesehen.
Nächsten Montag ist Krantermin. Die Ersatz-Lichtmaschine ist eingebaut, genau EINE neue gäbe es auch in Papeete zu kaufen, zum Preis von 2.000€. Für meinen Ersatz habe ich damals in Deutschland 125€ bezahlt. Hier ist also für den interessierten Kaufmann einiges zu holen. Für mich nicht. Ich habe das Gewerbegebiet rund um den Fischerhafen mit allen Shipchandlern abgegrast und ein bißchen was von dem bekommen, was ich wollte. Der Rest muß irgendwie aus Deutschland her, aber da habe ich einen Gedanken zu wenig (oder zuviel?) gedacht. Meine für den Unterwasseranstrich bestellte Kupferfarbe (gibt’s hier gar nicht) ist zwar wasserbasiert, somit kein Brandbeschleuniger und per Luftpost versendbar, aber ich mußte ja – umsichtig, damit bloß nichts fehlt – auch den Primer gleich mitbestellen. Der ist natürlich nicht auf Wasserbasis… Jedenfalls wird das ganze Paket zurückgesendet, sicher deswegen.
Alle Fehler kosten Zeit und Geld. Der letzte wohl noch das Leben.
12. Juni 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Nee, doch kein Fehler, ich lebe noch eine Weile: der Hersteller und alle Datenblätter behaupten auch von dem Primer, daß er wasserbasiert und nicht entzündlich und per Flieger transportabel sei. Aber was hilft’s? Wie erzähle ich das jetzt der DHL? Und bringe sie dazu, das zu transportieren?
Es ist natürlich herrlich, mal wieder in einem riesengroßen CARREFOUR einzukaufen. Heute Abend gibt es daher kalte Küche: frisches, gutes (!) Baguette, Terrine de Forestiere, Fromage de Tete, Brie Doulce, Tomme Noir, grünen Salat mit Walnüssen und dazu Vin rouge. Immer nur Gelbflossen-Thun ist ja langweilig…
Die Eingeborenen sind der westlichen Nahrung wohl auch nicht abgeneigt, sie sehen aber so aus, als äßen sie die zusätzlich zu ihrer traditionellen. Der Pazifik wird ja bewohnt von Melanesiern (die sind schwarz), Mikronesiern (die sind klein) und Polynesiern (die sind reichlich).
16. Juni 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Ich kenne jetzt alle ship chandler Papeetes, auch einige Autowerkstätten und Elektriker. Die peripheren Arbeiten sind erledigt bis auf die, für die ich Teile aus Deutschland besorgen muß. Der vor über vier Wochen in Nuku Hiva nach England geschickte Windgenerator ist auch mit Nachforschungsauftrag bisher nicht aufzufinden. Die Post vermutet ihn in Frankreich.
In der Zwischenzeit besuchen wir den chinesischen Friedhof und das Grab des letzten Königs Tahitis, Pomare des Fünften, der 1880 sein Land an Frankreich übergeben hat. Es herrscht Grabesstimmung, denn morgen früh ist Krantermin und es gibt halt kein Coppercoat für die Reparaturen am Rumpf. Das Haus von James Norman Hall besuchen wir auch, aber das ist zu. Der hat „Die Meuterei auf der Bounty“ geschrieben.
20. Juni 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Da steht sie also auf dem Trockenen, das Restruder ist ab, um den zum Glück nicht verbogenen Schaft wird jetzt ein neues laminiert. Der Kiel ist mittlerweile auch gereinigt und grundiert, dann muß er noch verspachtelt werden und dann müßte neues Coppercoat drauf. Woher nehmen…? Die Speditionen einschließlich FedEx weigern sich. Es gibt noch zwei Strohhalme, aber beide brauchen viel Zeit. Ich werde jedenfalls nächste Woche, wie lange vorher geplant, nach Deutschland fliegen, die Zeit vergeht hier auch ohne mich.
In der Zwischenzeit habe ich zwei Craftbierschmieden entdeckt und die Produkte getestet. Sehr gute Qualität, man liegt auch preislich nur knapp über Oktoberfestniveau. Wenn man zur Happy Hour hingeht - sonst halt doppelt so hoch.
20. Juni 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Wochenende! Die Werftarbeiter bleiben der Werft fern, es zieht Ruhe ein. In der Woche hört man sonst ab 06:30 Uhr die Trennschleifer kreischen, die Drahtbürsten quietschen, die Gabelstapler brüllen und die Kompressoren röhren, alle rückwärtsfahrenden Fahrzeuge piepsen und die zwei Travellifte haben auch nicht wirklich einen Schalldämpfer an ihren Dieselmotoren. Übertönt wird das alles nur - pünktlich um 11:30 Uhr und um 15:30 Uhr - von der Werkssirene. Südseeromantik pur.
Um die Werftarbeiter besser auseinanderhalten zu können, tragen sie Uniform: die Gemeinen blaue Arbeitsanzüge und blaue Helme, die Unteroffiziere haben rote, die Offiziere weiße Oberteile und der General als einziger einen gelben Helm.
Links der Werft steht die große Fischverarbeitungshalle und rechts die Kläranlage, dadurch ist die Geruchskulisse immer sehr abwechslungsreich, aber nie sehr angenehm.
Ich mache heute zur Abwechslung eine Inselbesichtigung per Bus und per pedes, logischerweise zum Wasserfall. Die Insel ist wirklich schön, recht bergig und durchgängig grün und tropisch.
Apropos (Tropenkrankheiten sind ja mein Steckenpferd): Auf dem Weg sehe ich zum ersten Mal life einen imposanten Fall von Elephantiasis, einer Filariose, die durch Fadenwürmer mit dem tollen Namen "Wuchereria Bancrofti" ausgelöst wird. Die Biester werden von normalen Stechmücken (Culex) übertragen - also immer schön einsprühen! - und verstopfen die Lymphbahnen, das Ergebnis imponiert dann recht prominent. In diesem Stadium ist bestimmt nichts mehr zu machen.
18. Juli 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Seit gestern bin ich wieder da. Habe ein straffes Heimatprogramm absolviert, inklusive Rasur und Haarschnitt. Die wenigen, die ich nicht besucht oder getroffen habe, können sich glücklich schätzen.
Für den Hinflug reichte Handgepäck, für den Rückflug 23kg Aufgabegepäck. Nur die wichtigsten Ersatzteile dürfen mit, der Rest kommt später. Alles wird gut verpackt, das fragile Anemometer des Windanzeigers extra in eine liebevoll gebastelte Pappbox. Ich fliege aber über Los Angeles und ahne nicht, daß die amerikanische Immigrationsbehörde mein Aufgabegepäck „zu meiner Sicherheit und zu der meiner Mitreisenden“ öffnet und kontrolliert. Und dann wieder zusammenpackt, aber den Windanzeiger und die liebevolle Schutzhülle getrennt. Ich packe dann zu meiner Begeisterung nur noch einen zweiarmigen Sensor aus. Toll. Mal sehen, wie lange der Sekundenkleber hält. Dem Namen nach ja nicht sooo lange…
In der Zwischenzeit ist in Papeete Coppercoat eingetroffen und das Ruder gefertigt, montiert und damit gestrichen worden. Daher schmeißen sie mich heute schon ins Wasser. Tatsächlich schwimmt das Boot und läßt sich zurück in den Yachtclub für die Restarbeiten steuern. Zunächst steht Putzen auf dem Plan, über vier Wochen auf dem Werftgelände, wo täglich geflext, geschliffen, poliert und lackiert wird, hinterlassen eine fast unlösbare graue Schicht auf dem Gelcoat. Ich brauche den ganzen Tag für das halbe Boot und meine härtesten Bürsten, weichsten Schwämme, stärksten Säuren und verbotensten Chemikalien, um der Sache Herr zu werden. So schlimm war es noch nie. Selbst damals in Schottland neben dem Kohlehafen ging die Kruste leichter ab.
Und auch in der Zwischenzeit versuchen wieder mal Illegale, das Boot zu erobern. Ich glaube aber ganz fest daran, daß es nur ein Einzelkämpfer war…
20. Juli 2024, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Vor meiner Abreise hatte ich für gestern noch einen Motorservice bestellt, der ist nach 1.000 Betriebsstunden wieder nötig. Und muß von einem Yanmar-Fachbetrieb durchgeführt werden, sonst erlischt die Garantie. Im ganzen Südpazifik gibt es genau einen zertifizierten Betrieb, hier in Papeete. Der weiß zufällig um sein Monopol und nutzt es schamlos aus: fünfmal so teuer wie in Deutschland. Verständlich, es dauert ja auch fünfmal so lange: Freitagmittag entschwindet der Kollege mit meinem ausgebauten Wärmetauscher, um ihn in der Werkstatt zu reinigen. Gegen 15:00 Uhr wird mir langsam klar, daß ich beide vor Montag nicht wiedersehen werde.
Jedes Jahr im Winter findet in Tahiti das Heiva-Festival statt, bei dem wie bei einem Grand Prix Tänzer- und Sängergruppen miteinander wetteifern. Ich besorge mir eine Karte und sehe mir das Spektakel an. Es scheint mehrere Sparten zu geben: Chorgesang, Trommeln, Formationstanz, Einzeltanz und Geschichtenerzählen. Bis auf letzteres finde ich alles sehr gut, der Chorgesang ist besonders exotisch. Beim Tanzen wackeln die Herren bedrohlich mit den Beinen und die Damen mit den Becken. Und das nicht nur im Stehen, sondern in allen Stellungen, auch im Knien, Hocken und Watscheln, als hätte man ihnen eine Duracell-Batterie an entscheidender Stelle implantiert. Scheinbar sind keine genetischen Voraussetzungen wie zusätzliche Gelenke nötig, denn einige der Tänzerinnen sind erstaunlich blond und weißhäutig. Also wahrscheinlich Übung von Kindesbecken an.
Die Kostüme sind wunderschön und meist vegetarisch, nach jeder Tanzgruppe kommt eine Reinigungsgruppe, um die abgefallenen Blätter und Blüten von der Bühne zu fegen. Diese Beckenamplituden hält kein Gemüse auf Dauer aus. Es scheint ein wenig Nachwuchsprobleme zu geben oder ist vielleicht auch ein Zugeständnis an den Zeitgeist, denn wo ich nur schlanke Südseeschönheiten erwartet hätte, wird mir jetzt auch die XXL-Variante geboten. Das wackelt dann noch mehr.
24. Juli 2024, Baie de Opunohu, Moorea (Französisch Polynesien)
Der Motorservice wird gestern - nach drei Tagen - beendet, das Paket aus Thailand mit dem Geräteträger für den neuen Windgenerator trifft am Montag ein, die Stützen dazu werden am Dienstag geschweißt und montiert. Meine neuen Gäste kommen pünktlich am Montag an und gehen gleich einkaufen, heute morgen legen wir ab und fahren die drei Stunden nach Moorea, der Nachbarinsel von Tahiti. Im Norden liegt die Cooks Bay, da muß die RESOLUTION natürlich hin. Daneben die Opunohu Bay soll ja noch schöner sein, ist sie aber nicht. Nur voller. Aber die Entdeckungsreise durch die Gesellschaftsinseln hat zumindest begonnen.
25. Juli 2024, Baie de Opunohu, Moorea (Französisch Polynesien)
Erstmalig entdecke ich im Pazifik auch häßliche, kratzige Wasserpflanzen ähnlich dem Sargassokraut. Es sieht etwas anders aus, mehr wie Tannenwedel. Aber es stört. Sonst ist das Wasser sehr klar und ca. 26°C warm. Die Unterwasserwelt ist leider etwas farblos und uninteressant, da ist noch Platz nach oben. Hier geht es auch mehr um die Berge. Vor deren Kulisse kann ein Boot schon mal ein paar Jahre liegen bleiben.
27. Juli 2024, Baie d‘Avea, Huahine (Französisch Polynesien)
Die Fahrt von Moorea nach Huahine findet über Nacht statt, denn es sind knapp 100nm. Schlaf gibt es keinen, in der Nähe von Inseln habe ich neuerdings des Nachts gar keine Ruhe mehr. Wir absolvieren die zweite Hälfte der Strecke mit kleiner Fock und im dritten Reff bei 4-5 Bft., weil wir bremsen müssen, um bei Sonnenaufgang am Paß zu stehen.
Meine Mitsegler Roswitha und Werner sind sehr bescheidene und freigiebige Leute, sie verzichten auf See nicht nur auf ihr Abendbrot, sonder teilen sogar noch die Reste ihres Frühstücks mit der pelagischen Fauna. Dafür gibt’s heute und morgen auch ein Dejeuner außer der Reihe.
Weil wir so pünktlich in Huahine eintreffen, kriegen wir die letzte Mooring am Ende der letzten Bucht, direkt vor dem Riff im SW der Insel, magnifique!
30. Juli 2024, Baie d‘Avea, Huahine (Französisch Polynesien)
Und am Ufer steht das berühmte Restaurant „Chez Tara“, das man laut Roswitha's "Lonely Planet" unbedingt am Sonntag zum Brunch aufsuchen muß, um das typische polynesische Buffet mit Schwein und anderem Getier aus dem Erdofengrill zu essen. Das tun wir natürlich, es schmeckt auch alles sehr authentisch und rauchig, die Desserts sind aber gewöhnungsbedürftig. Es gibt Puddings aus Taro, Brotfrucht, Maniok und Banane. Stärkepamps mit Sofortwirkung, ganz sicher mitverantwortlich für die polynesischen Figuren. Richtig Spaß macht aber die Musik, die Jungs und Mädels sind bis zum späten Nachmittag, als wir schon lange an Bord sind, am Singen und Ukulelen.
Am Samstag leihen wir uns ein Auto für die obligatorische Inselrundtour mit Stopps an den obligatorischen Distillerien, Vanillefarmen, Malerateliers, steinernen Fischreusen, Perlenfarmen und bei den oberarmdicken heiligen Aalen. Es regnet den ganzen Tag über, da war das Auto eine gute Idee.
Heute bläst immer noch kräftiger SW, zum Glück regenfrei, aber erst morgen kann es weiter gen Westen gehen, dann soll mäßiger SE kommen.
02. August 2024, Baie Tapuamu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Über Raiatea geht es nach Tahaa, entspanntes Segeln mit raumen Winden. Die Ankerplätze sind tatsächlich sehr tief, meist über 20m. Das ist ungewohnt, geht aber auch. Die dreifache Kettenlänge muß dann reichen, der Anker hält trotzdem.
Vor Tahaa auf dem Riff gibt es schöne Ankerplätze auf 3m Korallensand mit ausreichend Abstand zu den ersten Korallenköpfen, das haben sie sehr geschickt gemacht. Zwischen zwei Motus des Außenriffs wurde von Mutter Natur extra ein ganz flacher Korallengarten angelegt. Damit die Touristen sich diesen und die Fische dort in Ruhe anschauen können, herrscht eine leichte Strömung von ca. 1kn reinwärts, da braucht man nicht mal Flossen.
05. August 2024, Baie Apu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Das war also Bora Bora (für’s erste). Berge und Lagunen sind tatsächlich wunderschön, die Ortschaften machen dagegen wenig her. Es soll halt die schönste Insel der Welt sein, deswegen darf man auch nirgends ankern, sondern nur an 35€-Moorings festmachen. Unter der Überschrift „Naturschutz“, natürlich. Gilt nicht für Kreuzfahrtschiffe und Superyachten, denn die haben ja viel kleinere Anker.
Wir machen wieder eine Autotour und bestaunen die Ausblicke von den amerikanischen Artilleriestellungen aus WW II. Und den riesigen Banyan Baum, der Ideengeber für „Avatar“ gewesen sein soll.
Heute müssen meine beiden Mitsegler die Heimreise antreten, ich bin wieder Singlehander und kreuze solo zurück nach Tahaa (wegen der boranischen Mooringgebühren), wo ich mich in den nächsten zwei Wochen mal ordentlich um’s Schiff kümmern will. Es ist mit Erfolgsmeldungen zu rechnen.
09. August 2024, Baie Apu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Es dauert doch dreieinhalb Tage bis zur ersten Erfolgsmeldung: der neue Windgenerator hat frischen Strom in die hungrigen Batterien eingespeist. Und das ganz still und leise, sehr gut!
Ein deutscher Ankernachbar hat mir beim Aufrichten des Mastes geholfen und ein anderer eine passende Lüsterklemme spendiert, den Rest habe ich alleine hingekriegt. Beim Verlegen der Kabel bin ich in neue Räume des Schiffs vorgedrungen und habe dort Seewasser, Salz und Korrosion gefunden, und zwar am AIS-Transmitter (gar nicht gut). Und keine Ahnung, wie das alles dahin gekommen ist (auch nicht gut). Die Arbeitshypothese lautet: Altbestände aus der Zeit der gerissenen Frontscheibenfuge. Muß es beobachten.
Das war also der erste Punkt der to-do-list, es kommen noch einige. Das Wetter lenkt momentan nicht groß von der Arbeit ab. Zwischendurch muß ich ja noch den Haushalt bewältigen: Wäsche waschen, Brot backen, Essen kochen, sauber machen uvm.
11. August 2024, Baie Apu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Die erste Arbeitswoche ist rum, der Druckausgleichsbehälter für das Frischwassersystem ist installiert. Hat auch einen ganzenTag gedauert, denn nach der ersten Installation bin ich nicht überzeugt, sondern halte das Ganze für Pfusch. Kann auch daran gelegen haben, daß ich während der Arbeit mal wieder Musik gehört habe („Das Geistige kommt hier zu kurz.“) und Led Zeppelin ungeeignet gewesen ist. Nach Carlos Santana gefällt mir das Ergebnis wesentlich besser, wahrscheinlich kommt man dabei in einen ruhigeren Flow.
Die Abdeckkappe für die Steuersäule hat es während des Werftaufenthaltes zerfetzt, die ist jetzt wieder repariert. Einige Bettlaken und Handtücher ebenfalls, die Nähmaschine hat ihren Teil geleistet. Mit der Wäsche bin ich auch durch, aber Handwäsche ist ein mühsames Geschäft. Die Preise für eine Waschmaschinenladung liegen im Bora Bora Yacht Club bei 30,-€, das war mir zu happig. Im Nachhinein allerdings…
Es herrscht bestes Arbeitswetter, scheint Regenzeit zu sein. Keine Sonne, kein Wind. Muß den kleinen Generator bemühen und kommende Woche zur Tankstelle fahren.
13. August 2024, Ile Mahaea, Tahaa (Französisch Polynesien)
Die Werft auf Raiatea ist willens und in der Lage (gegen Bargeld und ohne Rechnung, klar), eine der beiden Verstagungen meines neuen Windgenerators zu kürzen und das Endstück wieder anzuschweißen, jetzt paßt alles perfekt.
Zeit zum Einkaufen, ich fahre in die „Hauptstadt“ von Raiatea und lege am Betonkai an. Fast perfekt, hätte ich meinen Kantenfender nur 10cm höher gebunden, bräuchte ich kein Gelcoat zu kaufen, um die fette Schramme an der üblichen Stelle aufzufüllen. Aber SUPERMARINE ist nur 5min fußläufig entfernt und freut sich schon auf meinen Besuch.
Eine Tankstelle und zwei Supermarche´s gibt es auch, also auffüllen und dann nix wie weg (häßliche Stadt) und zum Ankern hinter’s Ostriff. Da gibt es Korallensand auf 6m Tiefe, allerdings ist der besetzt mit vielen kleinen Korallenstöcken. Das Wasser ist klar, so daß man den Grund gut sehen und den Anker gut im Sand platzieren kann. Die Ankerkette kann sich dann aber immer noch beim Schwojen unter so einem Korallenstock verklemmen. Der Trick ist, die Kette mittels angeknoteter Fender in der Schwebe über den Korallen zu halten. Das muß man üben, insbesondere muß man die richtigen Abstände kennen, in denen die Fender anzubringen sind. Sonst liegt die Kette trotzdem auf dem Grund oder die Fender gehen unter. Nach dem zweiten Versuch glaube ich, das Prinzip und die Fehlerquellen verstanden zu haben.
Das Wetter ist besser, es gibt tatsächlich auch hier eine Sonne.
Die Fotos sind aus’m Internetz, von einem anderen Boot (PITUFA). Wenn die schon extra im Mast waren deswegen...
18. August 2024, Pointe Tenape, Raiatea (Französisch Polynesien)
Es ist Winter. Viel Wind und Regen bei nur 25°C. Habe mehrmals umgeankert und auch an der Mooring gelegen, aber da hat mich der Eigner (der Mooring und der nahe gelegenen Perlenfarm) wegkomplimentiert, er erwarte zahlungskräftige Gäste. Nun liege ich vor der Westküste Raiateas auf dem inneren Rand des Riffs und damit auf 3m. Es gibt ein paar Bommies in genügend Abstand neben und einen privaten (manchmal) unter mir, aber der ist nur 60cm hoch (habe ihn vermessen), wir sind schon ein paarmal glücklich darüber hinweg geschwoit.
Das Problem sind immer die anderen Boote und ihre Ankerkettenlänge, mein direkter Nachbar hat z.B. 35m Kette bei 3m Wassertiefe. Also fast das Zwölffache. Da ich das jetzt weiß, kann ich mit entsprechendem Abstand ankern. Mir reichen 20m Kette, das ist gut das Sechsfache. Die Faustregel liegt bei Faktor 5. Wenn die Boote vom Wind alle in die selbe Richtung geschoben werden, wäre es ja einfach, aber hier herrscht extrem starker Strom und der macht die Musik. Meist liege ich deshalb quer zum Wind und mit Krängung. Manchmal zeigt die Ankerkette auch nach hinten und schabt lustig an der Bordwand entlang (Grrrrrr, aber da kann man nichts machen). Im tieferen Wasser habe ich es auch schon versucht, da steckt der Nachbar bei 12m Tiefe 80m Kette und ist plötzlich wegen der erwähnten Verhältnisse ganz dicht dran.
Montag soll ich meine befüllte Gasflasche abholen (Donnerstag war Maria Himmelfahrt und Freitag das Gas alle), dann such ich mir ein schönes Plätzchen in der Nähe des coral garden, da gibt es neben einem bommyfreien Ankerplatz dinghyläufig Attraktion, Kneipe und Konsum.
Mittlerweile habe ich Motor- und Getriebeöl des Außenborders gewechselt (in den Regenpausen) und diesmal nicht das gesamte Teakdeck mit Altöl verschmiert. Und Brot gebacken, der Teig geht sehr gut auf.
20. August 2024, Pointe Tenape, Raiatea (Französisch Polynesien)
Es bläst heftig und böig mit bis zu 7Bft. Deshalb war der Ölwechsel für die Katz. Als ich gestern Abend von einem Arbeitsbesuch beim Nachbarn (sein Dieselgenerator ist kaputt, was sonst) nach Hause komme, das Dinghy hinten anbinde und mir ein Bier aufmache, haut wieder so eine Bö rein und mein Dinghy um. Ich komme nach achtern, um zu schauen, ob Ankersegel und Windgenerator noch da sind, da sehe ich achteraus die Unterseite vom Dinghy schwimmen. Die Oberseite mit dem Motor ist dafür unter Wasser. Irgendwie kriege ich es umgedreht und nehme den Motor ab, als ich die Zündkerze herausdrehe, kommen mir große Teile des Pazifiks entgegen. Vergaser und Ansaugkrümmer runter: im Zylinderkopf kann ich Korallensand erkennen. Ich stelle den ganzen Motor unter die Dusche, sprühe dann überall WD40 rein und beschließe, ihn morgen zum Mechaniker in die Werft zu schaffen. Um den Sand rauszuholen, müßte ich ihn komplett zerlegen, das kriege ich vielleicht sogar hin, aber dann… Man braucht auch überall neue Dichtungen.
Es ist nicht immer schön im Paradies. Manchmal ist es zum Brüllen.
21. August 2024, Pointe Tenape, Raiatea (Französisch Polynesien)
Er läuft wieder. Der Experte, von dem ich die komplette Demontage erwartet hatte, hat sich die Mühe nicht gemacht, sondern Zylinder und Zylinderkopf mit einem harten Wasserstrahl ausgespült (er hat auch keine neuen Dichtungen). Ölwechsel, Benzinwechsel: fertig. Ich putze nochmal nach und fette alles schön ein, mal sehen, ob es das schon war. Juuut! Soweit.
Voller Begeisterung springe ich in’s Wasser, um mich ein wenig zu bewegen und eine (rituelle) Waschung zu begehen. Startsprung und dann zurückkraulen zum Schiff. Nach ein paar Zügen stelle ich fest, daß ich mich dem Schiff nicht nähere, sondern mich entferne. Richtung Außenriff. Mein Bad wird jetzt ganz schnell zu einer ganz sportlichen Maßnahme, so schnell bin ich noch nie geschwommen. Es dauert trotzdem mehrere Minuten, bis ich es zur Badeleiter schaffe. Und weitere Minuten, bis ich den Puls wieder im zweistelligen Bereich habe. Schröckliche Gefahren lauern im Meer, förchterlich schröckliche…
27. August 2024, Bloody Mary Moorings, Bora Bora (Französisch Polynesien)
Seit Tagen haben wir Starkwind, 5-6Bft. Die letzten 4 Tage habe ich vor Tahaa auf Korallensand und an zwei Moorings abgewettert und mich auf den Besuch wichtiger Familienmitglieder vorbereitet: meine erste Frau und mein vierter Sohn kommen morgen in Bora Bora an, nebst Kumpel David. Das heißt einkaufen und tanken in Uturoa. Die Hafenmauer und das Schiff berühren sich diesmal nicht, aber wegen des Windes brauche ich drei Anläufe für’s Anlegen.
Single handed an die Mooring zu kommen ist auch schwierig bei viel Wind und geht nur rückwärts. Bis ich zum Bug gelaufen bin, ist die Mooring kaum noch zu sehen. Rückwärts kann ich sie gut sehen und mich langsam herantasten. Von der Badeplattform aus dann eine Leine durch den Mooringring und das Heck ist fixiert. Dann muß man noch eine lange Leine vom Bug durch den Ring ziehen und die Heckleine wieder freigeben. Ist ein bißchen aufwendig, aber anders geht’s nicht.
Mooringtonnen sind sehr begehrt, deshalb fahre ich heute früh schon vor sieben Uhr in Tahaa los, um im Bora Bora Yachtclub noch eine zu bekommen. Um zwölf bin ich da (Starkwind!) und tatsächlich sind noch drei frei. Ich wähle die mit einer gelben Begleitboje, auf der extra steht, daß man die nicht benutzen soll (klar, die hat nur ein dünne Leine, ich mach ja an der anderen mit dem dicken Seil fest). Um eins sind alle Bojen weg, da habe ich Glück gehabt. Am Nachmittag kommt der Mooringmann zum Kassieren und fragt mich, ob ich nicht lesen kann. Er hätte extra einend Hinweis in französisch und englisch angebracht, weil diese Mooring nicht genommen werden dürfe. Das Seil wäre kaputt. Ich könne aber nach dem Abbinden die zwei Meilen zu den Bloody Mary Moorings fahren, da wäre noch etwas frei. Cash oder Karte? Quittung, merci, adieu. Ich bin ja nun schon ziemlich alt und habe einiges erlebt, aber wie strunzdoof man doch sein kann, ist immer wieder überraschend.
Zur Strafe gehen noch die Computermaus und die Brille kaputt. Eine Ersatzmaus habe ich, die Brille wird mit einem Kabelbinder repariert.
Bei den abgebildeten größeren Kollegen handelt es sich um die SEA EAGLE (81m) und die LA DATCHA (77m). Anhand der Namen kann man sie sehr gut zuordnen und herausfinden, welche dem taiwanesischen und welche dem russischen Milliardär gehört. (Der Kat zählt nicht, der lag da nur störend rum.)
Palmen sind interessante Bäume. Zum einen sehen sie sehr speziell aus, zum anderen sind sie erstaunlich elastisch. Gerade bei viel Wind kann man das bewundern, die lustige uniforme Frisur und die beeindruckende Amplitude.
30. August 2024, Baie Hurepiti, Tahaa (Französisch Polynesien)
Meine Crew trifft pünktlich ein und ich bin auch pünktlich wieder im Yachtclub (diesmal an der richtigen Mooring, an der falschen liegt heute ein französischer Kat, aber der darf bleiben!?).
Wir fahren zurück nach Tahaa und beschnorcheln den Korallengarten (Unterwasserkamera vergessen). Heute gibt es eine geführte Autotour über die Insel mit besonderem Augenmerk auf die Vegetation und insbesondere den Vanilleanbau und die –herstellung.
02. September 2024, Motu To‘opua, Bora Bora (Französisch Polynesien)
Der Weg nach Bora Bora ist diesmal etwas hügelig, die Crew fühlt sich nicht recht wohl. Im Paß begrüßen uns dann aber Buckelwale mit Flossenklatschen und Flukenschlagen.
Trinkwasser soll hier 40€ pro 500l kosten, soviel brauchen wir nicht und schon gar nicht zu dem Preis. Also muß der Wassermacher laufen, der wird von Wind und Sonne angetrieben. Allerdings muß man das Wasser in den zweiten Vorratstank umleiten, dazu braucht es etwas Bastelei.
Diesmal sind wir am Samstag und damit pünktlich zum Folkloreabend im Yacht Club, das wackelt diesmal wesentlich dichter.
05. September 2024, Maupiti (Französisch Polynesien)
Heute ist Muskelkater, denn gestern war Wanderung. Auf den Mont Pahia, den 550m-Gipfel Bora Boras. Die Aktion dauert fünf Stunden und ist mehr bergsteigen und klettern als wandern. Das ist bereits von unten zu erahnen, der Klops ist halt steil. An den steilsten Stellen sind Seile befestigt, an denen man sich nach oben ziehen muß. Und beim Abstieg auch wieder runter lassen. Der Blick vom Gipfel ist natürlich atemberaubend.
Und große Wäsche ist heute auch, es war etwas matschig. Und Abschied von Bora Bora, denn das Wetter und die Wellen sind geeignet für die Überfahrt nach Maupiti und die Einfahrt in den dortigen Paß, der bei ungünstigen Bedingungen bis zu 9kn Strom entwickeln kann und damit unpassierbar wird.
07. September 2024, Maupiti (Französisch Polynesien)
Die Überfahrt ist friedlich und zügig mit achterlichem Wind, der Paß ist friedlich und unproblematisch. Die Lagune und der Ankerplatz sind herrlich, 4m Wassertiefe, fester Korallensand, keine Bommies und nur vier andere Boote.
Gestern gibt es im einzigen Restaurant der Insel ordentlich und reichlich Lunch, so daß danach Siesta gehalten werden muß. Heute ist deswegen Seniorenwandertag, diese besteigen den nur 300m hohen Mont Irgendwas. Das ist aber trotzdem anstrengend, denn hier hat man keine Seile in die steilen Passagen gehängt.
Morgen müssen wir wohl weiter nach Rarotonga, denn die Windvorhersage rät von einer späteren Abreise oder einem Stopp auf Aitutaki (beides Cook-Inseln) ab. In fünf Tagen soll Flaute und dann Südwind kommen. Vier Tage für 520nm sind angesetzt.
12. September 2024, Rarotonga (Cook Islands)
Da der Wind mit mindestens 5Bft. über die ganze Strecke bläst, absolvieren wir die Fahrt in 3 Tagen, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 7kn. Der Appetit und die Unternehmungslust der Crew sind wegen der korrespondierenden Wellenhöhe am ersten Tag sehr gedämpft, wohl deshalb haben wir auch keinen Angelerfolg. Erstaunlicherweise geht diesmal nichts kaputt.
Rarotonga verfügt nur über einen Industriehafen, das bringt etwas Kontrast zu den türkisen, idyllischen Ankerplätzen der Gesellschaftsinseln.
Die Cook-Inseln haben eine Liaison mit Neuseeland, das wiederum ist für seine strikten Einreisebestimmungen berüchtigt. Also kommen erstmals während meiner Reise fünf gewichtige Vertreter fünf verschiedener Behörden an Bord und lassen mich verschiedenste Formulare ausfüllen. Das Schiff wird ausgesprüht. Und leider streifen sich zwei Kollegen Gummmihandschuhe über, durchsuchen den ganzen Kahn und finden mehr Zigarillos, als ich angegeben habe. Daraufhin werden alle(!) konfisziert. Und außerdem hätte ich noch einen zweiten Verstoß gegen cookinsulanisches Recht begangen, indem ich ohne ANA angereist wäre. Davon habe ich bisher weder gehört noch gelesen, man erklärt mir, daß das ein „Advanced Nautical Announcement“ sei. Toll. Morgen will der Customs Officer wiederkommen und mir nach Rücksprache mit seiner Chefin die festgesetzte Strafe verkünden. Herrlich isses im Paradies.
Mein neuer Mitsegler ist aber immerhin schon da (der hat auch eine Odyssee hinter sich) und nimmt unsere Leinen entgegen. Abends im Restaurant mit Blick auf einen plantschenden Buckelwal, den Sonnenuntergang und mit einem kühlen Bier sieht die Welt schon wieder ein bißchen besser aus.
16. September 2024, Rarotonga (Cook Islands)
Der Customs Officer ist der Meinung, daß der Einbehalt meiner Zigarillos Strafe genug sei. Recht hat er, das ist die Höchststrafe! Keine Chance auf release, auch nicht gegen Zahlung von doppelter Strafe und dreifacher Einfuhrsteuer. Und hier gibt es keine neuen. Kalter Entzug.
Zur Ablenkung machen wir den Cross Island Track und durchqueren die Insel von Nord nach Süd. Knapp fünf Stunden Weg inklusive 370 Höhenmeter und die anstrengendste Kletterpartie bisher, denn es hat vorher geregnet und ist entsprechend matschig. Am Ende gibt’s ‘nen Wasserfall, zwischendrin noch importierte Fauna und Automobilia in verschiedensten Stufen der Renaturalisierung.
Rarotonga ist ein Außenposten Neuseelands, die weißhäutigen Touris sind keine Amis, sondern Kiwis. Demnach ist die Nahrungspalette englischstämmig. Im einzigen guten Restaurant, das wir gefunden und mehrfach besucht haben, gibt es z. B. die schottische Fischsuppe Cullen Skink, nur heißt sie hier Smoked Marlin Mornay (anstelle von geräuchertem Schellfisch halt mit geräuchertem Marlin).
Mitsegler Manfred hat sich vorübergehend ein Häuschen am Strand gemietet, dort fängt für die Jungs der Urlaub erst an.
17. September 2024, Rarotonga (Cook Islands)
Man behauptet, daß die Cookies begeisterte Sänger seien, also haben wir am Sonntag die Messe in der katholischen Kirche besucht. Evangelische Kirchen gibt es nicht, nur Sieben und Letzte Tages-Adventisten etc. Die Kirche ist sogar eine Kathedrale und der Veranstalter der Bischof, freundlich lächelnd und dickbäuchig, so muß es sein. Es wird auch mit Inbrunst und voller Kraft gesungen, den Part der Orgel übernehmen 4 Gitarren, ein Baß und eine Ukulele. Das Liedgut selber ist uns nicht geläufig, aber mit Textzeilen wie „Alleluia“ oder „Hosanna“ kommen wir klar und sind begeistert.
Meine Familiencrew habe ich heute zum Flughafen begleitet, danach ist Manfred in die Crewkajüte eingezogen. Morgen wollen wir nämlich schon ablegen und uns nach Aitutaki kämpfen, es soll wenig Wind wehen. Aber ab übermorgen sind Wellen aus Süd mit über 2,50m angesagt, das ist noch weniger appetitlich.
Gegenüber vom Flughafen ist ein Friedhof (sonst hat gewöhnlich jede Familie im Vorgarten zwei gefließte Gräber), auf dem ich das Grab von Tom Neale entdecke, einem in einschlägigen Kreisen berühmten Südpazifiker. Der hat nämlich viele Jahre alleine auf Suwarrow ge- und überlebt und ein Buch darüber geschrieben: „An Island to Oneself“.
21. September 2024, Aitutaki (Cook Islands)
Zum Abschied besuchen uns die allgegenwärtigen Buckelwale noch im Hafen von Rarotonga, zum Glück stoßen sie nicht an die Ankerkette.
Die Überfahrt nach Aitutaki verläuft friedlich, aber arbeitsam, dreimal Spibäume setzen und wieder wegräumen wegen drehender Winde. Kein Angelerfolg.
Die überall beworbene Schönheit von Aitutaki erschließt sich mir nicht, der Hafen ist gerade "under construction", man muß seine Achterleinen um scharfkantige Steine auf der anderen Seite der Mole wickeln und über die Korallenpiste führen, das ist materialintensiv. Die Leine vom Nachbarn ist gerade durchgescheuert und gebrochen.
Es gibt ein paar verschlafene Häuser, eine Kirche, zwei Freßbuden und einen chinesischen Supermarket, in dem das Bier ausverkauft ist.
Wir feiern Manfreds 76. also an einem der abgelegensten und unaufgeregtesten Flecken der Welt, geht auch.
24. September 2024, Südpazifik zwischen Aitutaki und Penrhyn, noch 460nm (Cook Islands)
Ab Ende der Woche soll eine 3,50m-Welle aus Süden kommen, um der zuvorzukommen, fahren wir schon am Montag los, auch wenn für Dienstag bis Donnerstag Flautenphasen angesetzt sind. Bisher läuft es gut, das erste Etmal beträgt 140nm. Penrhyn liegt von Aitutaki gesehen in 10°, deshalb segeln wir bei ESE seit langem wieder mal am Wind, es ist schräg.
Gestern, noch im Hafen von Aitutaki, beschließe ich, den von Kristine mitgebrachten neuen DuoGen-Generator zusammen mit Manfred zu installieren, damit hätten wir im Bedarfsfall eine weitere Stromquelle auf der Überfahrt. Leider fällt – dummheitsbedingt – eines der neuen Ersatzteile ins Hafenbecken. Es ist nur 3,50m tief, aber so schlammig, daß man unten NICHTS sehen kann. Wir lassen den Schnellkochtopf mit einer Leine an der Unglücksstelle auf den Grund, ich lege die Tauchausrüstung an, halte eine Hand an den Topf und taste mit der anderen kreisförmig darum den Boden ab. Bingo!
Der Aitutaki-Besuch wird noch mit einer Dinnershow im Touritempel aufgepeppt.
Aus Höflichkeit verabschiede ich mich beim Hafenmeister, der will bei der Gelegenheit eine Liegegebühr von 33$ pro Tag – wofür? Die leinenmordende Korallenpiste?
Kurz bevor wir ablegen, kommen zwei neue Schiffe an und werden von den Einklarierungsbehörden im Hafen aufgesucht. Als der Zöllner merkt, daß wir losfahren wollen, pfeift er mich zurück, ich müsse mich erst noch bei ihm abmelden. Wozu, wir bleiben doch im Lande? Egal, trotzdem. Und zwar in seinem Büro. Dort überreicht er mir eine schriftliche Verwarnung aus Rarotonga wegen Einreise ohne „ANA“ und ein weiteres Schreiben mit der Möglichkeit, meine konfiszierten Zigarillos gegen eine Zahlung von 1.700$ auszulösen. Ich verzichte dankend.
25. September 2024, Südpazifik, 340nm vor Penrhyn (Cook Islands)
Es läuft ganz gut, die erste Flaute ist mit 2 Bft. aus ENE zumindest in Schleichfahrt noch segelbar. Und das Meer kann sich währenddessen etwas beruhigen, so daß man nächtens ruhiger schläft. Zweites Etmal 123nm.
Das Segeln bei Leichtwind und Leichtsee ist immer am schönsten, es bewegt sich noch etwas, gluckert friedlich um einen herum und Sonne, Mond und Sterne scheinen.
Ich finde 30l Seewasser in der Steuerbord-Backskiste und habe noch keine Idee, wie es da hingekommen sein könnte. Von da ist es jedenfalls in die Mittel- und Kellerbilge gelaufen, nochmal 10l.
Die Genua-Rollreffanlage enthält ein kleines Bauteil mit der Nummer 6 und dem passenden Namen „Lock Block“, das den Käfig für die Reffleine mittels Klemmschraube am Stag festhält. Der Rigger in Greifswald hat damals extra darauf hingewiesen, daß man bei Arbeiten an der Reffanlage dieses möglichst nicht ins Wasser fallen lassen sollte. Da hat es wohl nicht richtig hingehört, denn nun ist es ohne mein Zutun irgendwann in den Pazifik abgetaucht. Man merkt es daran, daß sich die Reffleine munter aus ihrem Käfig befreit und lustig um’s Vorstag gewickelt hat. In Penrhyn wird es wohl keinen Lock Block geben, dort ist Kreativität gefragt.
Beim Fischen hat die noch nicht geholfen, der Wechsel auf den roten und weiß-blauen Köder zeigt keine Erfolge.
26. September 2024, Südpazifik, 230nm vor Penrhyn (Cook Islands)
Doch, der rote Köder hat Erfolg! Gestern kurz vor Sonnenuntergang beißt ein großer, grimmiger Barracuda zu, eine für die beiden direkt Beteiligten verhängnisvolle Entscheidung. Für die beiden indirekt Beteiligten eine arbeitsame, aber nahrhafte solche.
Der anfangs stabile Leichtwind ist mittlerweil zu einem volatilen mutiert und mit Squalls durchsetzt, die besonders nachts ihr grausliches Spiel mit uns treiben. Die Kurslinie sieht aus wie Affengekrakel. Winde zwischen 2 und 22kn und 20 und 180°. Es ist diesig und wolkig und warm.
Am Nachmittag schlägt die Flaute dann doch zu, wir müssen den Motor starten. Das Schiff fährt ca. 1kn langsamer als sonst, ich befürchte, daß der Propeller in der Hafenbrühe von Aitutaki und Rarotonga zugewachsen ist.
29. September 2024, Penrhyn (Cook Islands)
Pünktlich am Sonnabend um zwölf Uhr mittags fahren wir durch den Paß von Penrhyn, pünktlich mit dem Ein-Uhr-Squall fahren wir drei Ankermanöver, dann sind wir klatschnaß und sicher.
Der Propeller ist überhaupt nicht bewachsen, jetzt fehlt mir die Erklärung für die langsame Fahrt. Woran kannet liejen? Dafür sind bei einem der beiden Bugstrahlpropeller sämtliche Blätter abgebrochen. Toll. Hoffentlich habe ich noch Ersatz in der Tiefe der Backskisten.
Der Ankerplatz vor Omoka ist ungemütlich, weil auf der Westseite der 7nm breiten Lagune gelegen. Bis hierhin hat sich im kräftigen Passat schon eine gewisse Welle aufgebaut. Wir wollen zur Ostseite rüberfahren, ein Eingeborener von dort lädt uns gestern ein, entweder noch am Samstag oder dann am Montag zu kommen. Sonntag geht nicht, denn da ist Sonntag. Da wird nicht Boot gefahren und schon gar nicht gearbeitet. Der Kirchgang ist die einzig erlaubte außerhäusliche Aktivität. Gut, dann gehen wir mit weißem Hemd und langen Hosen um 09:00 los zur Ziona Church. Die hat nur einen Eingang direkt unter der Kanzel und man würde der ganzen Gemeinde in die spöttischen Gesichter blicken, käme man verspätet durch diese Tür. Die zionistische Kirche ist irgendeine reformierte, denn der schwarzgewandete Pfarrer ist zwar auch dick, aber er lächelt gar nicht und predigt sehr streng und eindringlich. Und das in freiem Wechsel zwischen polynesisch und englisch. Manchmal versteht man einen Satz, aber dann wieder nichts mehr.
Der Gemeinderatsvorsitzende(?) wechselt in seiner Rede extra zum Englischen, um die weitgereisten Gäste zu begrüßen und ihnen alles Gute hier auf der Insel und auf ihrer weiteren Reise zu wünschen. Sehr nett. Hinterher dürfen wir auch noch einige Hände schütteln und Smalltalk machen. Während der Customs Officer auf Rarotonga meine Zigarillos konfisziert hat, schenkt mir sein hiesiger Kollege, als wir an seinem Haus vorbeikommen, einfach mal einen Gelbflossentun, den er gestern gefangen habe. Warum nicht gleich so?
Auch die Haie um’s Boot sind begeistert über die Karkasse.
Die Dorfgemeinschaft auf dieser Insel umfaßt knapp 200 Leute, davon sind heute ungefähr 60 in der Kirche. Was die allerdings an Stimmvolumen mitbringen, ist beachtlich. Der Gesang ist a capella, ein unverstärktes Instrument würde man auch gar nicht hören. Der polynesische Schreigesang besteht aus zwei verwobenen Melodielinien, eine singen die Frauen, die andere die Männer. Insbesondere die Damen mittleren Alters geben vor der Menopause nochmal alles: Oberkörper und Kinn nach vorn, Finger am Ohr und Brustkorb geschwollen. Das Ganze im quietschbunten Kleid und mit Queen-Elizabeth-Hütchen. Beeindruckend.
Die Sangeslust der Eingeborenen war wohl der Schlüssel, dem die Kirche ihren Erfolg auf den Cookinseln zu verdanken hat. Dazu das Versprechen, daß es für die Bilanz am Jüngsten Gericht wesentlich vorteilhafter wäre, wenn man viele laute Lieder gesungen anstatt viele fette Missionare verspeist hat: ein stimmiges Konzept.
1. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Auf der Ostseite mit dem Riff und den Motus in Luv liegt man wunderbar ruhig. Die Haie um’s Boot sind auch ganz leise. Wir nutzen den ersten Tag für Reparaturen, ein neuer Propeller kommt auf die Welle des Bugstrahlruders, obwohl sich der Rest des alten mehrere Stunden tapfer gegen das Abnehmen wehrt.
Der verschwundene Lock Block der Rollreffanlage wird durch eine 10er Schraube ersetzt. Und ich finde die Ursache für seine Flucht: der Bolzen, gegen den er drückt, ist falsch herum eingesetzt worden. Dadurch hat der Block nicht gegen den Kopf des Bolzens gedrückt, sondern gegen das andere Ende und so den Bolzen immer weiter herausgeschoben. Bis es irgendwann keinen Druck und damit kein Halten mehr gab. Wer waret jewesen? Steve, der fluchende südafrikanische Rigger aus der Shelter Bay Marina, als der Mast wieder gestellt wurde nach der Rückrufaktion. Der Voll-Profi-Pfosten…
4. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Bei den Arbeiten an der Genuarollreffanlage fällt mein Blick auf den versteckt sitzenden Splint der Fock-Rollreffanlage. Der ist wohl aus besonders hochwertigem Marinestahl gefertigt, denn es ist nach zweieinhalb Jahren immer noch reichlich Material vorhanden…
Wir sind erst drei Tage hier, haben aber schon drei Einladungen zum Essen abgearbeitet. Rio, der ehemalige Häuptling (mayor) von Penrhyn, und seine Frau sind persönlich für uns verantwortlich. In seiner Begrüßungsrede beim ersten Dinner äußerte er so etwas wie „Mein Kühlschrank ist auch Dein Kühlschrank“. Das Essen ist einfach, aber durchaus wohlschmeckend. Bis auf den in Kokosmilch eingelegten rohen Fisch, der im Ganzen in die Marinade kommt. Das ist wie Gehacktes als Keule serviert.
Beim Schulabschluß-BBQ am Strand wird ordentlich aufgefahren: Hühnchen, Lammsteaks, Sausages, frischer Salat(!), Reis und Kartoffelsalat. Meiner Meinung nach müßte das für sieben Klassen reichen, es gibt aber nur sieben Schüler auf der Insel. Die Teller werden pyramidös gefüllt, dann setzt sich jeder auf einen Stuhl und ißt. Kein Tisch, kein Besteck, keine Serviette. Da die dicken Mamis wissen, daß selbst sie diese Mengen nicht schaffen, haben sie vorsorglich reichlich Tupperdosen mitgebracht. Als Höhepunkt gibt es hinterher Eiscreme und Bananenkuchen.
Die Kinder (alle verschiedenen Alters) toben mit Begeisterung gemeinsam im Meer, die Lehrerin zeigt mir stolz eine etwa 100 Jahre alte Fotografie ihres dänischen Vorfahren Vigo Rasmussen - zu dem Zeitpunkt 61 Jahre alt - und seiner eingeborenen Ehefrau – zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Vigo sei auch mit dem Segelschiff gekommen. Das wird noch lustig, in drei Jahren.
Die Frau des Pfarrers (den nennt man hier „minister“) erzählt mir, sie sei eine geborene Marsters. Den Namen kenne ich, alle Bewohner des Palmerston-Atolls heißen so. Das wurde nämlich im 19. Jahrhundert von einem englischen Kapitän dieses Namens mit seinen drei Ehefrauen (alle von Penrhyn, die zwei anderen sind während der Anreise gestorben) besiedelt. Genealogie ist hier überflüssig, man nennt ihn heute noch ehrfürchtig „father“. Aber wir wollen nicht übertreiben.
7. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Wir gehen täglich in die Kirche. Am Sonntag mit allen 28 Einwohnern zu Gottesdienst und Gesang . Am Montag mit allen männlichen Einwohnern zum Arbeitseinsatz. Die Kirche ist 120 Jahre alt. In den Mauern neben den hohen Fenstern wurden 1904 senkrechte Stahlträger eingebaut, um die Fensterstürze oder andere wichtige Bauteile wie das Dach zu tragen. Mittlerweile wird das Dach wohl nur noch vom Glauben getragen. Die Idee von Oberhäuptling und -baumeister Rio war zunächst, die im Putz entstandenen Risse mit Epoxy zu füllen und fertig. Dummerweise klopfen die Deutschen etwas mehr Putz ab, als ihm lieb ist. Deswegen dürfen wir wohl die restliche Woche jeden Tag zum Arbeitseinsatz erscheinen, um das Problem wieder in den Griff zu kriegen. Neue Stahlträger haben wir leider nicht dabei. Meine Flex wird aber gebraucht, um die Bewehrungseisen zuzuschneiden.
Zumindest endet der Einsatz pünktlich um zwei mit einem opulenten Dankgebet und einem opulenten Mittagessen. Der Pfarrer als Hauptverantwortlicher ißt wie immer das meiste. Er ist auch die gewichtigste Persönlichkeit vor Ort.
Nebenbei müssen meine Winschen dringend gereinigt und gefettet werden, die zweieinhalb Jahre auf See waren schon zu lange. Entsprechend dick ist die Salz-Dreck-Kruste. Wir brauchen drei Tage für alle.
9. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Recht gehabt: seit drei Tagen sind wir als Kirchenrestauratoren auf dem Bau beschäftigt. Obwohl wir (relativ) pünktlich anfangen, verschiebt sich das Mittagessen von Tag zu Tag in Richtung 15:00 Uhr. Übrigens gilt beim Essen hier noch der gute, alte nautische Grundsatz „Frauen und Kinder zuletzt“.
Nach der Arbeit erledigen wir noch Zweitjobs: bei dem Schielen (dem Mann von der Plattnasigen) funktioniert die Beleuchtung nicht mehr. Die wurde letztes Jahr samt Solarpaneelen von anderen Yachties bei ihm installiert: quasi ein Garantiefall, für den wir jetzt verantwortlich sind. Ich klettere auf seine Sperrholzdecke unter dem Wellblechdach und stelle fest, daß die Kabel von den Ratten durchgenagt wurden. Nachdem ich sie wieder verbunden habe und das Licht brennt, empfehle ich ihm, die Ratten besser zu füttern, damit sie nicht vor lauter Hunger die Kabel durchnagen. Seine kognitiven Fähigkeiten reichen aus, um meine Empfehlung anzuzweifeln. Rio sagt später, er wäre ein fauler Hund, der jeden Yachty um Hilfe anbettele. Gut, gewisse Dinge scheint er dann doch selber zu erledigen, denn er und seine Frau sind die Hauptreproduktionsquelle der Insel. Das ist relativ leicht an den Gesichtern der Kinder zu erkennen. Sonst ließe sich schwer feststellen, welches Kind wohin gehört, die beiden Kleinsten werden reihum von allen gefüttert und abgeknutscht.
13. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Am Freitag wird nicht gearbeitet, die Jungs haben die Nase voll und machen frei, wir natürlich ebenfalls. Rios Frau Kura sagt, sie wollten am Freitag auf das Wochenend-Motu fahren und reichlich Bier mitnehmen. Die freien Tage sind zwar verregnet, trotzdem ist der sonntägliche Gottesdienst diesmal schwächer besucht.
Ich lerne von Rio wichtige und grundlegende Dinge: wie eine Kokosnuß fachmännisch gepflückt, gehäutet und geöffnet wird. Auch sonst werden wir gut versorgt mit Thunfisch, Reis, Kartoffeln, Kürbis etc. und mit Überlassung der Waschmaschine.
An unseren freien Tagen können wir wieder ein bißchen am Boot basteln, die Liste wird kürzer.
17. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Rio führt ein Gästebuch, das bis in die frühen 80er zurückreicht. Der prominenteste Eintrag stammt von Wolfgang Hausner, einer österreichischen Segelikone (Grüße nach Perchtoldsdorf!). Hausner war 1987 hier, der Aufenthalt ist auch in seinem Buch „Atolle und Taifune“ beschrieben. Übrigens hatte er damals ständig Probleme mit besagten Taifunen, Leckagen, gerissenen Segeln und slippenden Ankern, den Eingeborenen und anderen Mitmenschen. Die Zeiten scheinen sich geändert zu haben oder ich mache irgendetwas falsch. Aber ich bin auch kein Schriftsteller.
Apropos geänderte Zeiten: in Rio's Buch hat einer der Gäste Fotos von seinem vormaligen Besuch in den 70ern eingeklebt, da gab es hier noch kokosgedeckte Holzhütten und Auslegerkanus mit Segeln. Ab den 80ern werden nur noch Wellblechhütten gebaut und Aluminiumboote mit Außenbordern gefahren. Auch die Versorgung läuft mittlerweile hauptsächlich über neuseeländische Weizenfelder und Hühnerfarmen. Jede Familie hat mindestens zwei Gefriertruhen in einer Größe, wie sie bei uns im EDEKA stehen. Da kommt alles rein, vom noch selbst gefangenen Fisch über die Nudeln bis zum Mehl (Rüsselkäferprophylaxe). Inwieweit sich die Insulaner mit der rigorosen "Modernisierung" einen Gefallen getan haben, wissen sie bestimmt selber nicht. Von den allgegenwärtigen Handys gar nicht zu reden.
Wir arbeiten auch diese Woche wieder auf dem Bau, kochen für Rio’s Familie Spaghetti mit Thunfisch-Kapern-Sauce (als Anregung, den Töchtern schmeckt’s zumindest) und versuchen, aus den geraspelten Sprossen der Kokosnüsse Brot zu backen. Das Ergebnis steht noch aus, der Herstellungsprozeß samt nötigem Werkzeug ist aber dokumentiert.
Manfred’s größter Ehrgeiz besteht darin, den Pfarrer heimlich bei der Arbeit zu fotografieren.
20. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Das Brot mit geraspeltem Kokoskeim (der heißt "Uto" auf polynesisch) geht nicht. Da scheint irgendetwas drin zu sein, das dem Sauerteig nicht bekommt. Schade.
Wir sind auf das Wochenend-Motu eingeladen, auf dem gerade die Datsche in feinster Wellblechtradition aufgepeppt wird. Das muß man mögen. Der Pfarrer kommt auf alle Fälle vorbei, schließlich gibt es Kokospfannkuchen.
Ich probiere mal meine Harpune aus, aber ohne Erfolg. Bin auch nicht so wild auf Jagdglück, die Insulaner sagen, man müsse einen erlegten Fisch sofort aus dem Wasser holen oder dicht an sich pressen, sonst würden ihn die Haie gleich von der Harpune wegfressen. Das sind die Probleme, wenn man nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette steht, sondern schwimmt.
Am Samstagabend wird, nachdem wir gegangen sind, noch ein Schwein geschlachtet und in den Erdofen verbracht. Immerhin kriegen wir am nächsten Morgen nach der Kirche noch ein Stück Blutkuchen, der traditionell auf der ganzen Insel verteilt wird. Demnach haben sich in pazifischen Atollen ähnliche Traditionen entwickelt wie in thüringischen Bergdörfern.
Unter dem Schiff schwimmt, neben den Haien, auch ein kleinerer Schwarm größerer, gelbflossiger, hochkantiger Doraden-Brassen-Jack-Makrelen rum, insbesondere, wenn ich das Unterwaserschiff reinige, sie fressen die abgekratzten Algen. Die sehen echt lecker aus und eine reicht bestimmt für zwei Personen. Also die Harpune gespannt (Schwerstarbeit übrigens) und abgetaucht. Treffer! Der Schuß sitzt, der Fisch zappelt. Die Haie sind sofort da. Ich kann kaum die Harpune festhalten, so zerren die Biester. Als ich an der Badeleiter ankomme, habe ich keinen Fetzen Fisch mehr am Pfeil (s. „Der alte Mann und das Meer“). Voller Wut verlege ich mich auf die Haijagd von der Badeplattform aus, was wegen der Lichtbrechung gar nicht so leicht ist. Aber ich treffe dann doch einen, der saust blitzschnell davon, die anderen sind auch alle weg. Bestimmt sind sie Kannibalen. Das wäre vielleicht eine Strategie: alle Haie weglocken, um in Ruhe das Dinner zu schießen. Aber das ist mittlerweile auch weggerannt…
PS: Ich verstehe nun die Bedeutung des Wortes "Hai-Speed".
25. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Geschafft! Der erste selbstgeschossene Fisch ist in unseren Mägen verschwunden, ein köstlicher Papageienfisch von anderthalb Portionen. Das Jagdrevier ist das äußere Riffdach des Wochenend-Motus, da ist es flach und es sind nur wenige kleine Haie unterwegs. Wegen der Brandung und Strömung ist es aber schwierig, im Wasser ruhig an einer Stelle zu bleiben. Die weiteren Schüsse treffen auch nicht.
Die Kirchenrestaurierung ist gestern abgeschlossen worden, es gibt erst um 17:00 Uhr Lunch (nach Beräumung der Baustelle und drei längeren Ansprachen), dafür aber mit einem ganzen Schwein aus dem Erdofen. Das ist die Wartezeit wert. Eine Kokoskrabbe hat man vorgestern schon für uns gefangen und gekocht, die ist gut, aber Lobster und Taschenkrebs sind besser.
27. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Am Samstag werden wir wieder auf das Wochenend-Motu eingeladen, wobei ich den Verdacht habe, daß ich hauptsächlich deswegen kommen soll, um Rio bei seinem Datschen-Ausbau zu helfen. Die Lebenslust der Polynesen ist aber life zu erleben. Die Frauen ziehen mit einem Netz zum Fischen los, hinterher wird der Fang unter großem Geplapper und Gelächter verarbeitet und zu einem nicht unbeträchtlichen Teil sofort verspeist. Etwas Sojasauce drauf und fertig. Im Prinzip sind sie immer am Essen. Wartezeiten werden mit Handarbeiten überbrückt, sie fertigen aus Palmblättern Besen und flechten sehr schöne Hüte, das Stück wird für 300$ auf dem Markt in Rarotonga verkauft.
28. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Na also! Der erste gespeerte Fisch, der es bis auf unsere eigenen Teller an Bord schafft! Erst sind wir zum Paß gefahren, aber da schwimmen nur kleine Fische rum. Direkt unterm Boot habe ich dann einen der dicken Fische erwischt und rechtzeitig aus dem Wasser und auf die Badeplattform gehievt. Es ist wohl doch keine Doraden-Brassen-Jack-Makrele, sondern eher ein Doktorfisch. Oder nennen wir ihn einfach Ceviche. 3 Portionen.
Die Karkasse nutzt Manfred für eine eindrucksvolle Fotoserie.
Der Wind hat auf NW gedreht. Da liegen wir hier vor der Ostküste etwas exponiert, aber es sollen maximal 4 Bft. kommen, dann dürfte die Wellenbildung nicht so stark werden, daß wir auf die andere Seite des Atolls ausweichen müssen.
Über die lokalen Damen habe ich ja schon berichtet. Zu den Herren ist zu bemerken, daß sie sich am Sonntag zum Kirchgang auch in Schale werfen. Sie tragen Hemd und Krawatte zum dunklen Anzug. Diese Tracht ist ziemlich schweißtreibend (Mann muß ja auch laut singen), deshalb wird sie mit Flip-Flops kombiniert. Wunderschön!
30. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Wir sollen uns schick machen (d.h. lange Hosen) und um 18:00 Uhr im Gemeindehaus (d.h. Cyclone Shelter) einfinden, denn man will eine Dankes- und Abschiedsparty für uns beide veranstalten, auch wenn nur Manfred morgen abfliegt, aber dann wäre es ein Abwasch.
Es ist eine lange Tafel gedeckt und als Bühne errichtet worden mit zwei Stühlen dahinter. Die anderen Stühle sind davor in Reihen wie im Theater angeordnet. Wir müssen uns natürlich auf diese zwei Stühle setzen, die Gemeinde nimmt uns gegenüber Platz. Es beginnt mit Dankesreden und endet damit, daß die beiden Ehrengäste als einzige essen dürfen und müssen, während die dankbare Gemeinde sie bestaunt und dazu singt. Unsere Stimmung ist ähnlich zwanglos wie beim Letzten Abendmahl. Wir werden wirklich ganz schnell satt, damit endlich die anderen auch essen können.
Die Veranstaltung ist aber noch nicht vorbei: die beiden Stühle werden jetzt vor die Tafel gestellt, es werden erneut Dankesreden gehalten und dann werden wir beschenkt: jede Familie hat eine Kette aus Kauri-Schnecken für uns gefertigt, die wir mit Händedruck, Umarmung und Küßchen einzeln umgehängt bekommen. Der minister wird nicht müde zu betonen, wie wertvoll diese Ketten auf dem freien Markt wären und mit wie viel Liebe sie hergestellt, verschenkt und empfangen würden. Der Höhepunkt ist dann die Aufforderung, jetzt eine kleine spontane Dankesrede unsererseits zu halten. Ich habe seit meiner Dissertationsverteidigung nicht mehr so geschwitzt und einen so roten Kopf gehabt. Wir sind ehrlich gerührt, so etwas haben wir nicht erwartet.
31. Oktober 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Nachdem Manfred zum letzten Mal den Sonnenaufgang fotografiert hat, verläßt er heute das Schiff, um über Rarotonga, Auckland und Doha nach München zurückzufliegen. Der erste Abschnitt nach Rarotonga ist sicherlich der abenteuerlichste. Die Flughafenbebauung von Penrhyn beschränkt sich neben der unbetonierten Landebahn auf einen Wellblechunterstand mit Toilettenhäuschen im Hintergrund und zwei Kerosintanks in Größe XS. Die gesamte technische Ausstattung (Handfunke, Gepäck-Quad, Zapfpistole und Personenwaage) wird vom gleichen und einzigen Mitarbeiter bedient.
Auf dem Rückweg halten wir mit dem Boot noch auf einem anderen Motu, um von der bis vor 16 Jahren dort betriebenen Perlenfarm Bretter, Balken und Zäune zu „bergen“, die für den Datschenbau auf dem Wochenend-Motu unverzichtbar sind.
Jetzt gehört mir das Schiff wieder ganz allein. Und damit gehört mir der ganze Ozean und damit die ganze Welt. So. So. So.
So angenehm seglerische Gesellschaft auch sein kann, muß ich nun ohne klar kommen. Es warten die bisher längste Einhandzeit (6 Monate) und die bisher längste Einhandstrecke (700nm) auf mich. Wenn meine Berichte im Laufe der Zeit immer verschrobener und merkwürdiger werden, bitte Bescheid sagen!
Während unseres gesamten Aufenthaltes hier hatten wir nur an den ersten beiden Tagen ein weiteres Boot als Ankernachbarn. Ich denke, daß ich auch in den nächsten vier Wochen kein zweites mehr sehen werde. Penrhyn ist genau das Richtige für mich, Christmas und Fanning Island werden hoffentlich ähnlich stark frequentiert sein, weil sie ebenfalls abseits der üblichen Routen liegen. Nur für die paar Amis, die von Polynesien nach Hawaii fahren, wären sie ein passender Zwischenstopp.
Manfred hat mit seinen Kauri-Ketten ein neues Problem am Hals: was sagt der neuseeländische und/oder deutsche Zoll zu dem ganzen Reichtum aus womöglich geschützten Arten? Endet die Heimreise schon im Auckland Prison oder erst in Stadelheim? Wir hoffen das Beste, viel Glück!
4. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Das Umweltministerium in Rarotonga hat Manfred eine Ausfuhrgenehmigung für alle Ketten erteilt. Ich fahre aber nicht mehr nach Rarotonga, mal sehen, was online geht.
Mit dem gleichen Flieger haben auch noch fünf Eingeborene Te Tautua verlassen, jetzt sind wir nur noch 24 kleine Negerlein. Leider sind mit Rio und seiner Schwester auch die beiden wichtigsten Gesangsstimmen verschwunden, das war gestern beim Gottesdienst wesentlich dünner.
Übrigens werde ich hier meist mit Papa angesprochen, das ist das übliche Wort für den älteren Herrn. Damit komme ich gut klar.
Die Bauarbeiten und Erhaltungsmaßnahmen am Boot gehen weiter, die bereits mit Manfred begonnene Aktion „Gelcoatreinigung und –pflege an Deck“ ist mittlerweile abgeschlossen. Jetzt wäre „Gelcoatreinigung und –pflege am Rumpf“ dran, aber ich habe so gar keine Lust…
Der neu gekaufte und noch nach Panama importierte aufblasbare Boden des Dinghys ist an der gleichen Stelle undicht geworden, die bereits bei seinem Vorgänger zum Tode geführt hat. Ich kann ihn zwar nochmal flicken, aber es ist wohl auch der Anfang vom Ende. Daher habe ich mir aus Strandgut und anderen Holzresten nicht aufblasbare Alternativen gebastelt.
Die beiden bärtigen Junggesellen der Insel nehmen mich spontan zur Thunfischjagd mit. Wir sind dabei - selbst nach ihren Maßstäben - sehr erfolgreich: 12 z.T. gewaltige Gelbflössler und 3 Bonitos (einer davon wird gleich an Bord verspeist, noch warm, ohne alles). Die Jagdmethode ist das Trawlen mit zwei Leinen bei ca. 10kn Geschwindigkeit und immer in Richtung Vogelschwarm. Also nicht viel anders, als wir das auch machen, nur sind wir nicht ganz so schnell und navigieren auch nicht nach Vögeln.
Vor dem Ausnehmen und Filetieren am Abend habe ich mich dann gedrückt.
5. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Es ist so friedlich, daß es fast unheimlich wirkt. Der Himmel wölbt sich in einem makellosen Stahlblau, dessen Klarheit kaum durch das warme Türkis der Lagune darunter gemildert werden kann. Nur ein ganz leiser Lufthauch, keine Wellen, entfernte, einschläfernde Geräusche von Land wie das gelegentliche Brummen eines Mopeds, das Krähen eines Hahnes oder die Stimme eines singenden Mädchens. Wäre da nicht das mal lauter, mal leiser wahrnehmbare, ewig gleiche Rauschen der Brandung auf dem Außenriff, das die Existenz des Stillen Ozeans beweist, dann würde ich anfangen, nach einem Ausweg zu suchen.
9. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Damit das Paradies schön grün bleibt, muß es hin und wieder bewässert werden. Das nimmt einen ganzen Tag und eine Nacht in Anspruch. Die Eingeborenen sind glücklich, denn dabei füllen sich ihre Wasserzisternen, die über die Dachrinnen gespeist werden. Zum Teil mit einem Netz als Filter obendrauf, zum Teil ohne. Das aufgefangene Regenwasser dient dann als Trinkwasser. Bei einigen Haushalten schmeckt es schon ein bißchen algig, das merkt man am nächsten Tag auch an einer leichten Diarrhoe. Ich konnte bisher nicht beobachten, daß diese Zisternen gereinigt würden.
Regentage nutze ich für Bastelarbeiten im Schiff. Alle Gummistrops sind ausgeleiert und müssen ersetzt werden.
Auch werde ich gerne mal von den älteren Damen der Insel gebucht, wenn es um Probleme mit Waschmaschinen, Kompressoren, Benzingeneratoren und tropfenden Wasserleitungen geht oder einfach nur als Gesellschafter zum Abendessen. Bei der Gelegenheit bekomme ich etwas Einblick in's Atollleben. Da die Kinder nicht immer leicht zuzuordnen sind, frage ich nach. Der kleine blonde Junge hat zwei schwarzhaarige Eltern, da muß auf beiden Seiten der Großeltern also mal jemand blond gewesen sein, weil sich blond immer rezessiv vererbt. Die Eltern sind auch nicht verheiratet oder leben zusammen, scheinbar war Langeweile der Auslöser. Meist werden (deshalb?) die Erstgeborenen sowieso von den Großeltern adoptiert und wachsen bei denen auf.
Die größten Feste auf Penrhyn sind der 1. und der 21. Geburtstag, dann fliegen sogar die Verwandten aus Neuseeland und Australien ein. Weihnachten dient dagegen nur als Anlaß zum Saufen.
14. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Den mir anvertrauten Kompressor kann ich nicht reanimieren, der sieht auch gar nicht mehr gut aus. Der Rost hat schon den Elektromotor erreicht und gekillt. Den Vergaser des Benzingenerators kann ich mit viel Geduld von dem klebrigen Bitumen befreien, das sich in seinen 15 Lebensjahren (mit viel Freizeit) dort abgelagert und alle Düsen verstopft hat. Begriffe wie Wartung und Pflege gibt es zwar im Englischen, aber wohl nicht im Polynesischen.
Apropos Pflege: das Gesundheitssystem auf Penrhyn besteht aus einem Hospital samt Krankenschwester. Hin und wieder wird ein Arzt eingeflogen, der sich die Patienten routinemäßig anschaut. Die werden bei seriösen akuten Problemen sofort von einem Flugzeug nach Rarotonga ins Krankenhaus gebracht, wie auch bei Entbindungen. Wird alles vom Staat bezahlt, Krankenkassen gibt es nicht. Paradiesische Zustände!
19. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Ich muß mich in Rio's Gästebuch verewigen, das wird sehr ernstgenommen. Wir sind übrigens die 15. Yacht in diesem Jahr und die 3. deutsche. In den drei schlimmen Jahren von Ende 2019 bis Ende 2022 war tatsächlich nicht ein Boot hier. Dann kam als erstes eine Soloruderer!, der blieb gleich 4 Monate. Hatte wohl keine rechte Lust mehr, weiterzupaddeln.
Aus den bei der Herstellung des Bastes zum Hutflechten anfallenden Kokosblattrippen werden Besen gefertigt und auf dem Markt in Raro für 30$ verkauft. Seit dem Eintritt in’s Handyzeitalter kann man sich dabei auch gut unterhalten, selbst wenn niemand in der Nähe ist.
Die indigene Landwirtschaft beschäftigt sich mit
1.Tierproduktion
Kokosnußmastschweine werden in großzügigen Stallanlagen gehalten. Weil hin und wieder eines entfleucht, hat sich eine verwilderte Population entwickelt. Der versucht man mittels Harpune! beizukommen, aber das reicht nicht aus. Deshalb werden alle Kleingärten mittels Wellblechzäunen vor Verbiß geschützt.
Die Hühner sind dagegen komplett in Freilandhaltung, weil man sie dann nicht füttern muß. Wenn man Eier braucht, schickt man einfach die Kinder in den Busch, um welche zu suchen. Aus dieser Methode haben sich im Laufe der Jahrhunderte die abendländischen Osterbräuche entwickelt.
2. Pflanzenproduktion
In Hydrokultur werden Pak Choi, Tomaten, Paprika und an den Netzwänden Stangenbohnen angebaut. Da muß man nicht ackern und braucht sich nicht zu bücken.
Im Hintergrund ist die große Solaranlage zu sehen, die die Insel (fast) komplett mit Strom versorgt. Kommt aus Deutschland, inklusive der 150 dafür notwendigen 1,8V-Akkus (Gewicht pro Stück: 200kg ).
Für weitere größere Baumaßnahmen steht schon entsprechendes Gerät bereit.
20. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Das Projekt „Gelcoatreinigung und –pflege am Rumpf“ ist nach 6 Arbeitstagen abgeschlossen! Wobei der Arbeitstag im Paradies logischerweise nur 4 Arbeitsstunden umfasst. Die hat nicht die Gewerkschaft der Lokführer unter Weselsky ausgehandelt (obwohl es der durchaus zuzutrauen wäre), sondern die Trade Union of Angels unter Gabriel.
Außer von Engeln wird das Paradies natürlich auch von Paradiesvögeln bevölkert.
Das war ein geschmeidig krachender Übergang zu einer Bemerkung über die südpazifische Schwulenkultur. Unter den 24 Einwohnern Te Tautua‘s ist nämlich auch ein junger Mann dabei. Sein Auftreten, insbesondere sobald eine Kamera in's Spiel kommt, ist überbordend. Bereits in Tahiti ist mir aufgefallen, wie auffallend die Jungs auffallen. Und auch, wie normal, locker und selbstverständlich das ist. Wenn es so ist, dann ist es halt so, und basta. Dann serviert der Kellner die Pizza in Kleid und Pumps und mit sonorer Baßstimme. Auch hier gesellt sich der Pele (so werden sie genannt, ob die Schreibweise richtig ist, weiß ich nicht) zu den Frauen, weil er sich denen zugehörig fühlt (obwohl er dann erst nach den Männern essen darf). Die Akzeptanz geht sogar so weit, daß in reinen Frauensportarten wie Netball auch Peles mitspielen dürfen. Netball ist sowas wie Basketball, da macht es schon einen Unterschied, wenn einer 30cm größer und ein wenig stärker ist. Aber wenn es so ist, dann ist es halt so. Das finde ich durchaus bemerkenswert. Daher die Bemerkung.
Man hat mich zum Schnorcheln mit ans Außenriff genommen, um dort u.a. Seeigel zu ernten. Zu der Spezies habe ich ein gestörtes Verhältnis, weil ich mal in einen reingetreten bin. Und außerdem schmecken sie fürchterlich, wenn man nicht weiß, welche Teile man essen kann. Das wissen die Eingeborenen natürlich und zerkloppen das Needlebeast gleich auf dem Riff, um die orangefarbigen Gonaden herauszuholen und in ein extra dafür mitgebrachtes Schraubglas zu überführen. Nach der Rückkehr gibt’s diese dann mit Mayonnaise und Zitrone auf Crackern, dazu Kaffee. Wesentlich besser als seinerzeit! Bis auf das Getränk.
Es finden sich auch ein paar dicke Kegelschnecken?, die essbar sein sollen. Man kriegt sie natürlich nicht aus ihrem Gehäuse gezogen. Da ich auf den Bahamas mal das Auslösen von Conchs studiert habe, greife ich zum Hammer und finde nach einigen Versuchen die Stelle, wo der Muskel am Gehäuse angewachsen ist. Dort in dem Hammerloch mit dem Messer die Verbindung trennen und schon flutscht es raus. Die Tiere sind wesentlich kleiner als Conchs, ich habe aber sieben Stück und werde versuchen, Conch Fritters daraus zu bereiten. Schaumerma.
22. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Es sind tatsächlich faschierte Laiberl aus den Trochus- bzw. Algenschnecken entstanden, also Trochus Fritters oder Schneckerlpflanzerl. Die Biester sind ganz schön zäh, ein Fleischwolf wäre anstelle meiner Moulinette besser gewesen. Nun gut.
Mittlerweile habe ich auch Perlmuscheln gegessen, roh mit etwas Zitrone drauf wären sie am besten. Hm. Da finde ich, daß man Austern vorziehen sollte, weil die Perlmuscheln ähnlich zäh sind wie die Schnecken.
Die jungen Tölpel, die die jungen Männer gefangen und abends noch schnell in den Erdofen verbracht haben, müssen am nächsten Morgen leider entsorgt werden. Das Feuer war noch nicht richtig runtergebrannt und die Biester sind verkohlt. Die Tölpel. Da war ich ja besonders scharf drauf. Tölpel kriegt man eher selten.
Weil ich mal wieder einen Haarschnitt brauche (der letzte stammt noch aus Berlin), werde ich beim örtlichen Zimmermann vorstellig, der neben Hammer und Zange auch eine Haarschneidemaschine und damit als einziger auf der Insel die nötige Qualifikation für die Ausübung des Friseurberufs besitzt.
Zu meinen laufenden Reparaturaufgaben kommt noch ein Kompressor hinzu (wieder kein Erfolg, er sieht auch aus wie der erste), eine Motorsense (läuft, dank Bindedraht) und eine sehr spezielle Nähmaschine für Saum- und Ziernähte. Das Ding ist neu und nie benutzt und es bewegt sich gar nichts mehr. Gekauft und dann über Jahre stehen lassen. Ich kriege nach einer Weile das Gehäuse ab und kann bis zur Mechanik vordringen. Zuerst WD40 druff und Millimeter für Millimeter hin und her bewegen. Das klappt immer besser, bis eine spezielle Schraube die Nase voll hat von der Belastung und bricht. Aus die Maus. Die Eingeborenen nehmen das alles erstaunlich gelassen. Wenn etwas geht, geht es. Wenn etwas nicht mehr geht, geht es nicht mehr. Dann ist es halt so, und basta. Dazwischen gibt es nichts, und schon gar keine Reinigung oder Pflege oder WD40. Das braucht man erst, wenn es nicht mehr geht.
30. November 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Von dem letzten Thun, den ich in Frischhaltefolie im Kühlschrank hatte, muß wohl etwas ausgelaufen sein, es stinkt fürchterlich nach Fisch da drin. Ich habe ihn schon dreimal tiefengereinigt, sogar mit Hypochlorit und WC-Reiniger, hilft alles nicht. In meiner Verzweiflung greife ich zur Homöopathie („Similia similibus curantur“) und packe - etwas vorzeitig - mein Räuchermännchen aus und lasse es im Kühlschrank paffen. Hilft! Jetzt riecht es nach Räucherfisch, das ist wesentlich angenehmer.
Mittlerweile ist den Eingeborenen nicht nur das Mehl, die Seife und das Benzin ausgegangen, jetzt wird auch noch der Reis knapp. Gestern ist zwar der vierteljährliche Versorgungsdampfer von Rarotonga gestartet, aber es gibt auch auf Rarotonga zur Zeit keinen Reis mehr. Die müssen selber auf den nächsten Frachter aus Neuseeland warten. Damit wird der Winter auf Penrhyn wohl (r)eisfrei.
2. Dezember 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Es geht langsam in Richtung Abreise. Meine Aufenthaltsgenehmigung läuft bis zum 10. Dezember, dementsprechend habe ich schon den ersten Besuch beim Customs Officer auf der anderen Seite absolviert und den Stapel Formulare, den er mir mitgegeben hat, brav ausgefüllt. Die Rückgabe kann erst in drei Tagen erfolgen, vorher fährt kein Boot mehr rüber, der Sprit ist halt knapp. Am Donnerstag müssen sie aber rüber, dann ist Schuljahresende und Zeugnisausgabe im Hauptgebäude. Der Donnerstag ist gleichzeitig leider der letzte Tag eines passenden Wetterfensters für die Weiterfahrt Richtung Christmas und damit Richtung Norden. Dorthin hätte ich gerne 5 Tage lang möglichst südliche und moderate Winde (und Wellen). Da ich zunächst in der Lagune nach Westen zum Paß fahren muß, kann ich diese nur vormittags mit der Sonne im Rücken überqueren (wegen der Bommies). Also erst am Freitag. Ansonsten muß ich mindestens eine weitere Woche warten. Ich glaube und hoffe, daß sie nicht am 11. Dezember mit dem Polizeiboot rüberkommen und mich festnehmen, wenn ich dann immer noch da sein sollte.
Peter hat ein großes Stück Ambra am Strand gefunden. Kura hat ein Drittel davon bekommen, etwas über hundert Gramm schwer und zwanzig Zentimeter lang. Ambra oder Amber („ambergris“ auf englisch, „ambre gris“ auf französisch, also "grauer Bernstein") ist eine wachsartige Substanz aus dem Magen des Pottwales, die dieser manchmal (wenn er seekrank wird?) auskotzt. Man weiß nicht so genau, wie und warum und woraus er sie produziert, jedenfalls fühlt sie sich an wie Kerzenwachs und riecht sehr angenehm nach trockenem Holz. Daher wird sie in der Parfümherstellung verwendet und ist entsprechend wertvoll, der Brocken sollte etwa 5.000€ bringen. Die Frage ist nur: wo? Weil der Pottwal geschützt ist, darf laut Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) auch mit keinem Produkt gehandelt werden, das vom Pottwal abstammt. Eine sehr sinnige Verfügung, denn der Pottwal würde sofort aussterben, wenn man seine am Ufer angeschwemmte Kotze verkauft. Alle Parfümhersteller haben daher offiziell natürlich nur synthetische Ambra in ihren Kreationen. Deswegen ist der Preis ja immer noch so hoch...
3. Dezember 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Da mich aus dem adventlichen Deutschland immer wieder Bilder mit frisch gebackenen Stollen erreichen, habe ich mich entschlossen, selber aktiv zu werden und mit einem pazifischen Kokosrundstollen zu kontern. Leider gibt’s jetzt auch keine Butter mehr. Die, das Marzipan und die gehackten Mandeln habe ich durch die fettesten Kokosnüsse der Insel substituiert und das Orangeat und Zitronat durch ein paar kümmerliche getrocknete Aprikosen, die sich noch ganz hinten im Nachtwachenschapp angefunden haben. Die Reifezeit von 2 Wochen im kalten deutschen Keller verkürzt sich in den Tropen natürlich drastisch. Ein Tag muß reichen, morgen ist Anschnitt.
5. Dezember 2024, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Der Kuchen ist ganz gut geworden, er erinnert sogar ein bißchen an Stollen. Mit mehr Butter wäre er noch dichter rangekommen. Die Eingeborenen sind jedenfalls begeistert, er wird zeitnah aufgegessen, nun soll ich das Rezept aufschreiben.
Gestern habe ich ausklariert, morgen geht’s los. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen, als letztes muß das Dinghy verpackt werden. Das brauche ich heute Abend nochmal, man will ein großes Kai-Kai (Festmahl) anläßlich meiner Abreise veranstalten.
Ich verabschiede mich von denen persönlich, die mir besonders verabschiedungswürdig erscheinen, und werde nochmals beschenkt: mit Kette und Kürbis.
Für die 650nm bis Christmas mit 4-5 Bft. aus Ost sollten 5 Tage reichen. Das wird mein erstes längeres Seestück ganz alleine, ich bin nicht so ganz entspannt. Allzu gemütlich wird es auch nicht, eher ein Am-Wind-Kurs, da mit Weststrom von über 1kn zu rechnen ist. Wir werden sehen.
Auf Christmas Island gibt es hoffentlich ein paar Einkaufsmöglichkeiten, das Schiff ist fast leer. Im Kartoffel- und Gemüsekeller kullern (neben dem Kürbis) nur noch ein paar Kokosnüsse herum.
8. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 420nm vor Christmas Island
Wie befürchtet darf ich anderthalb Tage hart am Wind segeln und dabei noch 5nm zu meiner
Kurslinie nach Lee verlieren. Aber gestern Abend kommt der angesagte Dreher auf Ost und
ich kann etwas abfallen. Die Krängung und der Krawall reduzieren sich und mittlerweile habe ich ein Luv-Polster von über 12nm angelegt. Man kann nämlich nicht weiter als 60° an den Wind. Zu der normalen Abdrift von 10° kommen nochmal mindestens 5°, wenn der Bug in die Welle kracht und von ihr zur Seite gedrückt wird. Das Boot trägt eine Salzkruste bis zum Masttop und ich blaue Flecken unter den Hüftgelenken, denn auf der Höhe sind die
Handläufe, der Tisch und der Herd.
Übrigens komme ich am letzten Abend pünktlich um 19:30 Uhr zum angesetzten Kai-Kai,
aber kein Mensch ist da, alles dunkel. Ich fahre wieder zurück zum Boot und mache ein Glas
Leberwurst auf. Nach ein paar Minuten höre ich ein Motorboot drüben ankommen, es wird
Licht angemacht. Gut, dann nochmal rüber. Kura und der Nachbar sitzen entspannt am Tisch, die Tochter macht irgendwas in der Küche. Dann gibt es für uns drei einen Topf mit Reis und einen Topf mit angewärmten Zwiebeln und angewärmtem Corned Beef. Das ist schon ein spezielles Völkchen. Locker und tiefenentspannt und genügsam. Ihre kleine Welt ist ihnen genug. Sie selbst sind sich genug. Ihre Mitmenschen sind ihnen genug (über die sie sich aber genauso aufregen wie anderswo auch). Aber sie sind halt gastfreundlich und herzlich und teilen und geben gerne wie sonst nirgendwo.
9. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 275nm vor Christmas Island
COG: 10°
SOG: 6kn
Etmal: 144nm
Wind: ESE 4-5
Wellen: 2m
Wetter: heiter, 29°C
Am-Wind-Kurse sind zu vermeiden. Das Boot fährt die Welle hoch und kippt über den Kamm
in das Wellental, es kracht und spritzt gewaltig. Und kostet Geschwindigkeit.
Der neue Wetterbericht sieht nicht schlechter aus als der alte, Wind aus Ost, etwas weniger,
und etwas weniger Welle, bevor es am Donnerstag wieder zunehmen soll.
Es ist mir tatsächlich ein Schiff begegnet: die COSCO ASIA, ein 350m-Frachter auf dem
Weg von Chile nach Shanghai. Und tatsächlich auf Kollisionskurs. Und tatsächlich fährt er
einen schönen großen Bogen um mich herum.
Die Nächte verbringe ich auf der Leebank im Cockpit, mit T-Shirt, kurzer Hose und in der
zweiten Nachthälfte mit einer leichten Decke. Alle halbe Stunde rappele ich mich auf und
schaue in die Runde und auf den Plotter. Dazwischen schlafe ich tatsächlich, denn ich kann
mich manchmal an die Träume erinnern. Heute Nacht war ich in einem riesengroßen
Feinkostladen mit tollen Sachen in wunderschönen Verpackungen. Was das wohl zu bedeuten hat…
10. Dezember 2024, äquatorialer Pazifik, 120nm vor Christmas Island
COG: 0°
SOG: 4kn
Etmal: 140nm
Wind: ENE 3-4 Bft.
Wellen: 1m
Wetter: heiter, 27°C
Segel: Genua + Groß
Bin schon wieder am Wind. Die letzten zwei Tage habe ich mit fast halbem Wind 20nm Luvpolster herausgefahren und es dabei belassen. Falsch. Davon sind gerade noch 11nm übrig. Der Südweststrom kommt mir nämlich mittlerweile mit 3,3kn! entgegen. Sagen mein Bordcomputer, mein Plotter und mein Gefühl. In der Größenordnung hatte ich das zum letzten Mal im Ärmelkanal. Der Wind ist auch auf 3Bft. runter und hat auf 80° rückgedreht. Hoffentlich hält er sich an den Wetterbericht, der ihn ab heute Nacht wieder bei 4Bft. und 100° sieht. Zumindest ist das Wetter angenehm. In den Nächten wird es aber merklich kühler, je weiter man in den Nordwinter kommt. Zum Glück habe ich das alte, verstockte Federbett noch nicht entsorgt, das ist noch gut genug für‘s Cockpit. Und tagsüber kann es ja auslüften.
Heute passiere ich zum zweiten Mal die magische Linie und kehre zurück auf die Nordhalbkugel. Man kann sie auf dem Foto sehr gut erkennen, da liegt sie ca. 3nm voraus. Auf dem GPS habe ich sie sogar voll erwischt. Es gibt eine gekühlte Trinkkokosnuß zur Feier.
Außerdem überquere ich noch eine weitere magische Linie: die Datumsgrenze. Die verläuft eigentlich zwischen Samoa und Tonga, aber vor ein paar Jahren hat man sie hammerförmig nach Osten erweitert, damit die dort liegenden und zu Kiribati gehörenden Inseln (Christmas, Fannings, Washington etc.) das gleiche Datum haben wie das Mutterland (Tarawa). Ich komme also morgen dort am 12. Dezember an, wenn bei mir noch der 11. wäre. Der ist dann weg, den kann ich aus meinem Leben streichen, den 11.12.2024 habe ich nie erlebt. Hoffentlich verpasse ich nicht allzu viel.
12. Dezember 2024, südlicher Nordpazifik, 20nm vor Christmas Island
Der Strom ist auf über 4kn!! aus Ost angewachsen. Von dort bläst auch der Wind. Wenn ich hart rangehe, komme ich maximal nach Norden. Bei einer Wende würde ich also nur nach Süden fahren. Und das ist hier wohl immer so, unabhängig von den Gezeiten. Da ich von Christmas Island noch nach Fanning Island will, das im NE von Christmas liegt, und von dort wieder zurück, mache ich mir über den Rückweg ernsthaft Sorgen. Der funktioniert nur bei Nord- oder Westwind, sonst fahre ich westlich dran vorbei. In den 10 Wochen, in denen ich das Wetter in dieser Gegend beobachte, habe ich nur Ostwind gesehen. Werde mich mal erkundigen müssen.
ETA heute 15:00 Uhr, ohne den Strom wäre ich schon um 09:00 Uhr da.
Bisher ist nichts kaputt gegangen (oder ich weiß es nur noch nicht). Die anfangs nicht funktionierende Iridium-Mail-App geht jetzt auch wieder. In Zeiten von Starlink ist das zwar vorsintflutliche und völlig überteuerte Technik, zumindest haben sie einen hilfsbereiten und kompetenten Online-Support in Neuseeland. Irgendwann werde ich mich aber doch ver(star)linken müssen.
Freitag der 13. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Habe einen nicht sehr vertrauenserweckenden Ankerplatz auf 2,50 - 3m Tiefe (je nach Tide) vor London bezogen. Der Grund besteht aus Sand auf Korallen, der Anker ist nicht vollständig eingegraben, hat aber bei Vollgas rückwärts gehalten. Werde morgen mit dem Dinghy mal rumfahren und nach einem Sandfleck suchen. Man kann nicht tiefer in die Lagune rein, zu flach. Das Ostufer ist fast 2nm entfernt, dadurch wird es hier schon etwas wellig.
Obwohl Freitag der Dreizehnte, ist noch nichts Schlimmes passiert, eigentlich ist noch gar nichts passiert. Christmas Radio verspricht mir, daß die Beamten zum Einklarieren an Bord kommen würden und ich dort warten soll. Das mache ich nun schon den ganzen Tag. Na gut, ein bißchen geputzt habe ich und das Dinghy aufgeblasen, aber keine Arbeiten angefangen, bei denen etwas kaputt gehen oder ins Wasser fallen könnte.
14. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Die Beamten kommen (doch noch) in voller Besetzung (5 Mann) kurz vor Sonnenuntergang. Das ist natürlich ideal, da haben sie keine Lust mehr und wollen schnell fertig werden und nicht mehr das Schiff durchsuchen. Es gibt ja auch keine Zigarillos mehr zu finden…
Und kostengünstig ist die Maßnahme auch, aufgerundet 0,00$! Vier Monate bleiben? Kein Problem. Ich glaub’s ja kaum, da kommt bestimmt noch ein Haken, ich soll die Tochter des Häuptlings heiraten oder sowas.
Den 11.12.24 kann zwar ich streichen, aber den 14.12.24 kann ich dafür anstreichen, denn das ist mein Glückstag. Er fängt schon morgens an, als ich beim schlaftrunkenen Blick nach achtern feststelle, daß der Festmacher von meinem Dinghy nur zur Hälfte durchgescheuert ist und nicht gänzlich und daß es sprichwörtlich noch am seidenen Faden hängt.
Die Glückssträhne hält auch über die trockene Landung am schwelligen Strand hinaus bis zu dem Ei, daß mir kurz nach dem Kauf auf die Straße fällt (2,00$ das Stück). Ich ziehe australische Dollar als Landeswährung, klappere alle (fragwürdigen) Läden London‘s mit mittlerem Erfolg ab (Mehl fehlt hier auch!!) und bringe meine Beute sicher ans Schiff. Das einzige, was fehlt, ist mein Portemonnaie. Samt Geld, drei Kreditkarten, Personalausweis und Führerschein. Es wird vorübergehend sehr laut im Schiff. Nochmal zurück und bei den besuchten Läden nachfragen. Nix. Überlegen. Ich trage die Hose, aus der ich schon einmal das Portemonnaie (in den Ärmelkanal) versenkt habe. Die Tasche habe ich inzwischen mit einem weiteren Klettverschluß gesichert (?), möglich wäre es trotzdem. Aber wo und wann? Beim Einsteigen? Bei der Überfahrt? Beim Aussteigen an Bord und dem damit verbundenen Herumrutschen auf dem Seitenwulst? Verzweifelte Reaktion: Taucherbrille, Schnorchel, Flossen und ab ins 26° (brrrr!) kalte Wasser achteraus. Nach 10min systematischen Absuchens des zum Glück nur 3m tiefen Ankergrundes fällt mir ein schwarzes Quadrat am Boden auf. Die drei massiven australischen Dollar Wechselgeld vom Eiermann haben es tatsächlich zügig hinter dem Heck absinken lassen!?!!!
Sofort beschließe ich den Tag (15:30 Uhr) guten Gewissens mit den beiden frisch erworbenen Sixpacks und den 700 vom Grunde geholten Euros, die ich liebevoll auf dem Salontisch ausbreite, einzeln abtupfe und trocknen lasse.
Christmas Island ist, obwohl fast auf dem Äquator gelegen und sich seines verpflichtenden Namens auch im billigsten Laden bewußt, kühl(er) und trocken(er). Das sind die Galapagosinseln ja auch, demnach ist das mit den saftigen Tropen wohl ein saftiges Märchen.
Die Leute sind tatsächlich kleiner (Mikronesien), die Gegend macht einen ärmlicheren Eindruck, es liegt auch mehr Müll rum. In London! Muß mal schauen, wie es in Paris und Polen aussieht.
16. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Einkaufen ist anstrengend. Auf Fanning Island erwarte ich Versorgungsmöglichkeiten höchstens mittels Harpune oder Angel, daher sollte alles andere schon vorher an Bord sein. Leider zieht sich das Problem mit dem nicht vorhandenen Mehl von der Süd- bis auf die Nordhalbkugel. Und ganz schlimm ist: sie haben keinen Kaffee!! Nur Instant (Bäääh…)
Es leben zwar über 6.000 Leute hier, aber demnach sehr genügsam: ohne Gin, Tonic, Zitronen, Brot, Speck, Wurst, Käse, Yoghurt, Rosinen, Schokolade, Sprudelwasser und Nudeln!!! Gut, es gibt Heineken, das scheint alles andere aufzuwiegen. Erstmalig auf der Welt sehe ich hier Läden (dehnbarer Begriff) ohne HARIBO.
Ankern mit über 2nm freiem Wasser nach Luv ist auch anstrengend. Gestern gab es Böen mit über 30kn, das wird schon wackelig. Aber gut, wenn der Anker das hält, dann hält er die mickrigen 6Bft. von heute auch. An- und Abreise mit dem Dinghy sind halt feuchtfröhlich.
17. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Die Sache mit dem Wiederfinden läßt sich nicht beliebig reproduzieren, zumindest nicht bei meinen Aufsteck-Sonnengläsern. Die sind wohl ganz weg. Sonst verhaken sie sich immer in der Hosentasche und wollen nicht mehr raus… Sehr schade. Als Alternative kaufe ich eine Riesensonnenbrille für 10$ zum Obendraufsetzen. Mal sehen, ob das geht.
Ansonsten ist aber auch heute wieder mein Glückstag. Ich trampe wie gewöhnlich zu den entlegeneren Geschäften und diesmal hält ein Mitarbeiter des Tourismusministeriums. Der hört meine Nöte bezüglich Kaffe und Mehl und fährt mich gleich zu allen Läden auf der Strecke. Nix. Dann fällt ihm ein, daß er noch einen Laden auf der anderen Seite des Atolls kennt, der Kaffe haben könnte. Das würde aber über eine Stunde Fahrt in Anspruch nehmen, ob ich so viel Zeit hätte. Klar, und er? Kein Problem, im Büro wäre sowieso nix los. Tatsächlich hat der Laden dann auch Kaffee und zusätzlich Erdnüsse und Rosinen, alles amerikanischer Provenienz und daher in XXL. Nur Mehl nicht, aber der nette Beamte hält einfach bei sich zu Hause und holt mir einen 10kg-Sack aus seinen Privatbeständen, und gar keines Falls möchte er irgendeine Bezahlung annehmen. Ein Christmas-Geschenk von Christmas Island. Super!
Die Geschichte mit der Aufenthaltsgenehmigung für 4 Monate und dem Ausklarieren ohne Rückkehr von Fanning nach Christmas scheint - wie befürchtet - doch nicht so easy. Heute will ich mir meinen Stempel holen, aber man hat die Genehmigung für mich noch nicht. Ich soll morgen um 11:00 Uhr wiederkommen. Oh oh…
19. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Jetzt wird es kompliziert. Sie wollen mich nicht nach Fanning lassen, es hat wohl irgendwas mit dem Wetter?? zu tun, auch meine schriftliche Anfrage an den Behördenleiter wird sehr nebulös und eigentlich gar nicht beantwortet. Werde morgen wieder vorstellig werden müssen.
Mittlerweile habe ich mich doch außerhalb der Lagune vor die Westküste gelegt, hier ist es auch etwas weniger wellig. Und sollte ich driften, ist hinter mir viel freies Wasser. Der Anker liegt nicht optimal, es gibt nur wenige kleine Sandflecken auf 9m Tiefe, aber die sind sehr schwer zu treffen alleine. Nach vier Versuchen gebe ich auf, der Anker liegt jetzt halb eingegraben auf Korallen, aber vor einem Sandfleck. Wenn er ausbricht, könnte er sich da wieder eingraben. Der Weg an Land ist dadurch viel weiter, vor mir am Strand sind die Surfer aktiv. Das wird nix mit meinem Dinghy.
Die Fernbedienung der Ankerwinsch geht nicht mehr, ihr fehlt nach eigenen Angaben der Sensor des Kettenzählwerks. Weil sie nun nicht zählen kann, stellt sie ihre Arbeit komplett ein. Zum Glück habe ich noch eine zweite ohne Kettenzählwerk, die geht. Ich probiere mit einem externen Magneten, ob der Sensor dessen Impuls erkennt: nee. Dann geht der Sensor wirklich nicht mehr. Aha, ein Kabel ist ab. Die Ankerwinsch ist neben dem Propeller eines der nässesten (aber im Gegensatz zu diesem unzugänglichsten) Bauteile im Schiff, die kriegt ja jede Welle ab. Da sollten Kabelverbindungen doch entsprechend wasserdicht gestaltet sein, mit Schrumpfschlauch oder flüssigem Isolator um den Quetschverbinder. Das hat sich bei der HANSE-Werft wohl noch nicht herumgesprochen, die Kupferkabel (unverzinnt, klar) sind komplett wegkorrodiert. Ich habe alles an Bord, leider ist der Isolator eingetrocknet und der Schrumpfschlauch in der passenden Größe alle. Also nur neu verbinden und reichlich Marinefett drauf. Die Version hat ja schließlich auch bis über die zwei Jahre Garantiezeit gehalten. Flüssiger Isolator und Schrumpfschläuche stehen schon auf der Liste.
20. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Gar nicht gut. Bei der Bastelei an der Ankerwinsch stelle ich fest, daß deren Getriebe bei Betrieb ganz schnell ganz heiß wird und an der Welle unten braune Rostbrühe austritt. Weder Seewasserkühlung noch –schmierung sind hier eigentlich vorgesehen. Da hat sich wohl wieder eine Wellendichtung verabschiedet und den Pazifik eingelassen. Habe natürlich keine zweite Ankerwinsch an Bord. Kostet auch nur gut 2.000€ und wiegt 20kg. Ganz schlecht für‘s Handgepäck. Hoffentlich hält sie noch durch bis Fidschi, da könnte man vielleicht sowas bekommen.
Gar nicht gut. Heute marschiere ich wieder zur Immigration und habe diesmal die Ehre mit der Oberchefin, Typ Alter Drache. Die taucht erst gegen 11:00 Uhr auf und ist trotzdem stinksauer auf ihre ausufernden Arbeitszeiten und verweigert mir sofort jeglichen Besuch von Fanning Island. Ich bin ganz traurig und setze mich in eine Ecke. Nach einer Weile kommen drei Polizisten, mit denen sie lange den Fall diskutiert. Dann teilt mir ihre Subalterne mit, daß man sich erneut beraten wird und ich Heiligabend ab 15:00 nach dem Ergebnis fragen darf.
Gar nicht gut.
21. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
In der Lagune konnte ich wenigstens noch mit meinem Dinghy problemlos an den Strand fahren, hier draußen vor der offenen Küste steht seit heute eine Dünung, daß die Brecher am Strand detonieren. Das ist schön für Surfer, aber nicht für Segler. 300m davor am Ankerplatz geht es ja, die lange Dünung ist hier kaum zu merken. Gestern habe ich noch überlegt, dort anzulanden, mich aber dann doch entschlossen, das Risiko einer zweiten Außenborderwäsche nicht einzugehen und die 1nm bis in die Lagune zu fahren. Heute wäre auch das schwierig, die Windwelle (5-6 Bft.) kommt aus der Lagune und trifft dort auf die Dünung. Dazu ist es noch grau und regnerisch und kühl, das macht alles keine frohe Weihnachtsstimmung.
Es gibt hier übrigens keine Milchprodukte außer Milchpulver. Keine Milch selber, keinen Yoghurt, keine Sahne, keinen Quark, keinen Käse, noch nicht einmal den sonst allgegenwärtigen Philadelphia. Auch keine Schokolade!
22. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Trübes Wetter, trübes Warten. Der Windgenerator (gute Investition!) muß den Hauptteil der benötigten Energie erwirtschaften.
Hinter mir warten oder liegen zwei relativ große Frachter, an denen immer wieder für ein paar Tage andere Schiffe festmachen, die dann irgendwas auf diese verladen. Ich nehme an, daß sie als Umschlagshäfen und Lagerhallen fungieren und dauerhaft hier liegen und die anderen Schiffe Fischer sind, die ihren Fang abliefern. Deshalb haben sie riesige Fender an den Bordwänden und große Kräne an Deck. Steuerbord achteraus die FENG YU aus Panama (wohl eher China) und backbord die SEIN FRONTIER aus Korea.
Zum Abkratzen des Unterwasserschiffs hole ich meinen Neopren-Shorty raus, das wird mir nach 10min sonst zu kalt. Ach, wie gemütlich waren doch die 29° in Penrhyn… Und das COPPERCOAT als hochgelobtes Antifouling hilft auch nicht wirklich. Nach den 5 Tagen Überfahrt sind neben Braunalgen sogar kleine Entenmuscheln dran.
Saisonal bedingt versuche ich, aus den penrhynschen Meeresbodenfunden Weihnachtsgeschenke zu basteln, aber nach jetzigem Stand kann ich noch nicht sagen, ob das was wird. Und wenn ja, zu welchen Weihnachten es was wird.
Die Dünung bleibt stabil. Ich kann keine Surfer mehr sehen, Wellen zu hoch? Abgesoffen? Wochenende?
24. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Merry Christmas from Christmas Island!
Ich wünsche ein Frohes Fest!
Wegen meines Ankerplatzes bin ich dieses Jahr wohl der erste, der feiern darf. Der Weihnachtsbaum hinter mir ist schon beleuchtet, geschmückt habe ich (mich) auch, die Bescherung lag heute früh bereits an Deck: ein großer Fliegender Fisch. Der ganze Kahn stinkt…
Der alte Drachen hat gewonnen, der weiße Ritter ist geschlagen und muß das Feld räumen. Die Schreckschraube gibt mir tatsächlich kein Permit für Fanning Island, nur hier dürfe ich bleiben. Will ich aber nicht. Deshalb werde ich übermorgen ausklarieren. Dafür kommt dann extra jemand ins Büro (am Feiertag)! Und es würde auch keine extra Gebühren kosten. Aber abreisen werde ich erst am nächsten Morgen, zurück nach Penrhyn. Da ist es auch viiiel schöner. Fraglich ist, ob sie mir dort nochmal eine Verlängerung für 3 Monate bis zum Ende der Zyklonsaison gewähren. Ansonsten werde ich zum Fliegenden Holländer, dazu verdammt, ewig über das Meer zu segeln und nie mehr an Land zu dürfen. Es ist wohl ein Trugschluß, um die Welt segeln zu wollen und zu glauben, überall wäre man willkommen und überall wäre es schön.
Zum zweiten Mal gehe ich im einzigen „Restaurant“ der Insel essen (Bild 3).Wenn man sich erstmal überwunden hat, es zu betreten, kriegt man für 4,50€ eine erstaunlich große und wohlschmeckende Thunfisch-Gemüse-Pfanne (oder Thunfischtartar) mit Reis inklusive einer kalten Sprite/Fanta/Cola. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auf alle Fälle.
26. Dezember 2024, London, Christmas Island (Kiribati)
Um 14:00 Uhr soll ich im Immigrationsbüro sein, kurz nach 15:00 Uhr kommt tatsächlich jemand. Das erhöht meine (Ab-)Reiselust um so mehr. Egal, jetzt bin ich ausklariert und morgen früh geht es los. Das Dinghy ist schon verpackt, hoffentlich ist die Ankerwinsch dienstbereit. Der Wetterbericht berichtet über Ost- und später Ostnordostwind der Stärke 4-5. Da muß doch was gehen. Nachdem die Hinfahrt so gut geklappt hat, sollte die Rückfahrt auch funktionieren.
Der weihnachtsinselige Gänsebraten kommt vom Grill und ist gar nicht schlecht, nur anders, aber immerhin gefüllt mit Rosinen und Trockenpflaumen.
Ich muß Gas sparen, zwei Flaschen sind schon leer und für die hiesigen (australischen?) Anschlüsse habe ich keinen Adapter. Um Brot zu backen, brauche ich eine Stunde lang die kleine Flamme. Aber Brot ist prioritär. Das Kochen geht dann nur noch elektrisch mit meinem Einzelkochfeld (gute Investition damals, 12,50€) und dem zusätzlichen Strom aus meinem neuen Silent Shark Windgenerator (auch gute Investition, nur unwesentlich höher).
28. Dezember 2024, südlicher Nordpazifik, 550nm vor Penrhyn
COG: 180°
SOG: 4,5kn
Etmal: 140nm
Wind: E zu ESE, 3-4 Bft.
Wellen: 2m
Wetter: heiter, 27°C
Segel: Fock + Groß
Es segelt sich bei 6 Bft. und einem Reff wie auf Schienen, solange man im Lee einer Insel ist. Nach dem Südwestkap wird es etwas bewegter, aber ich bleibe hart am Wind und meine Kurslinie zeigt plötzlich auf die Tuamotus, Französisch Polynesien. Das wären nur 4 Tage
mehr bis dahin! Ich kann den Duft von frischem Baguette und Camembert schon riechen.
Dann komme ich aus der Strömungsabdeckung der Insel raus und das Boot fährt plötzlich 35° weiter nach steuerbord, also westlicher als 180°. Nun ist selbst der Kurs nach Penrhyn
kaum noch zu halten. Au revoir, Rangiroa… Ich war schon richtig euphorisch…
Laut Buch handelt es sich um den Südäquatorialstrom, der selten mehr als 2kn erreicht.
Ha Ha.
Nachts klappert es plötzlich an Deck, ich suche mittels Stirnlampe, aber kann nichts finden.
Heute Morgen im Hellen sehe ich dann eine weiße Segellatte auf weißem Untergrund
in der Kante des Schanzkleides. Letzteres hat mir schon einige Verluste erspart. Auch ohne diese Latte steht das Segel noch einigermaßen, ich brauche sie wohl nicht mehr auf See einzuziehen.
Heute früh läßt der Wind auf 3 Bft. nach, ich muß ausreffen, werde trotzdem langsamer,
schaukele in der alten Welle und hoffe, daß sich die See bald beruhigt.
29. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 430nm vor Penrhyn
COG: 180°
SOG: 6,5kn
Etmal: 108nm
Wind: E 4 Bft.
Wellen: 1,5m
Strömung: W 2,2kn
Wetter: heiter, 27°C
Segel: Genua + Groß im 1. Reff
Der Äquator ist erneut bezwungen, die Datumsgrenze liegt noch vor mir.
Gestern war Leichtwindtag, heute geht es dafür gut voran. Die Strömung ist auf 2,2kn
gesunken, damit brauche ich nicht mehr ganz so hart an den Wind. Der soll übermorgen auch weiter raumen, da reichen mir 10nm Luv zur Kurslinie als Polster.
Das Relais, das die Starter- und die Verbraucherbatterien nach Bedarf trennt oder verbindet, verweigert seinen Dienst. Fehlersuche: die Lötstelle am Umschalter ist wegkorrodiert. Im
Fußraum unterm Navitisch das Kabel wieder anzulöten, ist bei 5 Bft. am Wind ja eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Insekteninvasion! Gestern krabbelt in aller Gemütsruhe die größte Kakerlake meiner
Laufbahn durchs Cockpit. Ich kann sie fangen und über Bord schmeißen, es platscht gewaltig. Der Mehlsack von Christmas Island ist auch besiedelt, mit Rüsselkäfern. Ich habe zwar vorher reingeguckt, aber da hatten sich die Illegalen wohlweißlich versteckt. Jetzt spazieren sie munter im Keller umher. Also das komplette Mehl sieben (deshalb stand das früher auch in allen Backrezepten: „1 Pfund Weißmehl in eine Schüssel sieben…“), jeden Tag 1kg, einfrieren und danach in wasser- und käferdichten Gefäßen einlagern. Und den Keller noch mit Insektenspray ausschäumen. Eine schöne Arbeit…
30. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 310nm vor Penrhyn
COG: 190°
SOG: 7,5kn
Etmal: 111nm
Wind: NE 4-5 Bft.
Wellen: 1m
Stömung: W 2kn
Wetter: heiter, 27°C
Segel: Genua + Groß, raum
Ach, ist das schön! Der Wind hat geraumt, ich kann und muß abfallen. Da hätte ich mir das
Luvpolster sparen können. Jetzt geht es entspannt und zügig voran, wenn es so bleibt, wäre ich schon übermorgen da. Ich traue mich sogar, die Angel auszuwerfen.
Blauer Himmel mit Cumuli, leichte Krängung, leichtes Schaukeln, herrlich.
31. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 180nm vor Penrhyn
COG: 180°
SOG: 5kn
Etmal: 144nm
Wind: NNE 4 Bft.
Wellen: 1,5m
Stömung: W 1,2kn
Wetter: heiter, 28°C
Segel: Genua + Groß, raum
Vor lauter Angst vor dem Weststrom und vor lauter Mißtrauen in den Wetterbericht habe ich mir ein viel zu großes Luvpolster angelegt. Jetzt hat der Wind so weit geraumt, daß ich nicht weiter abfallen kann und irgendwann halsen muß. Ich hätte am Anfang einfach weicher am Wind fahren sollen mit mehr Geschwindigkeit und weniger Stampfen und dann mit dem drehenden Wind wieder zurück auf Kurs. Nun wird es doch nichts mit der Ankunft schon morgen. Selbst schuld…
Wesentlich geschickter habe ich das mit Silvester in diesem Jahr gelöst. Wegen der Rücküberschreitung der Datumsgrenze kann ich zweimal feiern! Aber womit? Werde jeweils eine halbe Flasche Wein über den Abend strecken. Damit hätte ich schon 3 Silvester auf See verbracht. Selbst schuld…
Das Angeln klappt auch gut, bereits nach einer halben Stunde ist der erste Köder weg und das Stahlvorfach 10cm kürzer. Wozu mache ich Stahlvorfächer dran, wenn selbst die glatt durchgebissen werden?
Zweiter 31. Dezember 2024, nördlicher Südpazifik, 50nm vor Penrhyn
COG: 170°
SOG: 3kn
Etmal: 137nm
Wind: NNE 3-4 Bft.
Wellen: 1m
Stömung: WNW 0,7kn
Wetter: heiter, 29°C
Segel: Fock + Groß im 3. Reff, sehr raum
Jetzt habe ich Zeit und muß sogar bremsen, um erst morgen früh vor dem Paß anzukommen. Das macht nichts, dann genießen wir’s halt. Leichte Schaukelwellen und leichter Raumwind, warm und sonnig, das ist für den zweiten Silvestertag ganz nett. Überhaupt ist der zweite Teil der Überfahrt richtig angenehm. Unangenehm ist nur der Gedanke an das bevorstehende Einklarieren und die nötige Bewilligung meiner Verweilwünsche. Hoffentlich hat der cook‘sche Zöllner für’s neue Jahr gute Vorsätze bezüglich Freundlichkeit und Entgegenkommen.
Die Angelei läuft immer besser, mittlerweile sind zwei weitere Köder weg. Beide Male ist die Schnur gerissen. Ich teste mal ihre Bruchlast und stelle fest, daß diese (höchstwahrscheinlich durch längere UV-Bestrahlung) beträchtlich gelitten hat. Daraufhin befreie ich die Rolle von den betroffenen ersten dreißig Metern.
02. Januar 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Ich wünsche allen ein Frohes Neues Jahr und viel Glück in diesem!
Mögen Eure Schiffe immer schwimmen und Eure Anker immer halten!
Bin gestern Morgen frisch geduscht (Squall vor der Einfahrt in den Paß) an meinem alten Ankerplatz (oder 20m daneben) angekommen. Es ist wieder schön. Bei meinem neuerlichen Antrittsbesuch gibt es gleich eine Einladung zum BBQ heute und einen Auftrag zur Reparatur einer weiteren Nähmaschine. Hier hat sich nichts geändert. Das Wasser ist herrlich warm, da kann ich in Ruhe den Unterboden reinigen. Morgen muß ich zu Customs & Immigration auf die andere Seite.
04. Januar 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Ziehen wir mal Bilanz des Weihnachtsausflugs: zum ersten Mal hat ein Ziel so gar nicht meinen Erwartungen entsprochen und haben sich die Offiziellen völlig ablehnend verhalten, auch ohne einen Stempel zu wenig im Paß oder ein paar Zigarillos zu viel an Bord. Irgendwann mußte das wohl kommen, nach zweieinhalb Jahren war es halt so weit.
Andererseits freue ich mich, daß ich mich endlich getraut habe, eine bzw. zwei längere Strecken alleine zu segeln und daß das gut funktioniert und auch Spaß gemacht hat.
Heute bin ich wieder mal auf’s Wochenend-Motu eingeladen, das lohnt sich, denn es gibt einen Sonnenhut und lecker Spinnen. Ich vertilge eine ganze, sie sieht für mich einer Languste täuschend ähnlich und schmeckt auch so. Aber das Fangen von Langusten ist behördlicherseits verboten, deshalb fangen und essen sie halt Spinnen. Eine typisch polynesische Problemlösung.
Auf ähnliche Art wird auch mein Aufenthaltsgenehmigungsproblem gestern gelöst, der örtliche Zöllner und Polizist regelt das wohlwollend und ohne bürokratischen Aufwand. Ich zeige mich natürlich auch wohlwollend und erspare ihm das Ausstellen einer Quittung.
Zum BBQ habe ich auf Curas dringenden Wunsch noch einen "German Christmas Cake" gebacken, denn zur Icecream würde der bestimmt sehr gut passen. Sie ist ganz begeistert davon.
06. Januar 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Der Baguette-Traum ist vielleicht doch noch nicht ausgeträumt, denn der Wetterbericht behauptet, ab übermorgen würde der Wind über Nord nach Nordwest drehen, und das für mehr als eine Woche und auf der ganzen Strecke von hier bis zu den Tuamotus. Durch die bin ich ja damals förmlich gehetzt, um in Papeete in die Werft zu kommen. Derartige Windverhältnisse im Gebiet des Südostpassats sind bestimmt ein Zeichen. Und bestimmt eines für mich, es ist ja niemand anderes da. Ich mache vorsichtshalber schon mal drei Abschiedsfotos und putze das Unterwasserschiff. Alle anderen Reparatur- und Wartungsarbeiten sind bereits erledigt.
07. Januar 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Der Entschluß ist gefaßt, morgen segele ich auf die andere Seite zum Ausklarieren und dann raus auf den Pazifik und weiter in die Tuamotus. Nach Tikehau oder Rangiroa, wir werden sehen.
Zum Abschluß noch ein netter Einblick in die polynesische Lebensweise: Ich fahre gegen Mittag an Land, um mich zu verabschieden. Man bittet mich, zum Essen zu bleiben, es gäbe Schwein aus dem Erdofen. Wann, zum Dinner? Nein, eher gleich. Ich gehe, um den Ofen zu inspizieren und da liegt das Schwein tatsächlich, zwar schon geknebelt, aber ansonsten noch quicklebendig, auf einer Schubkarre. Bloß gut, daß ich gestern Abend zwei dicke Fische hatte, damit halte ich die kurze Wartezeit sicher durch.
10. Januar 2025, nördlicher Südpazifik, 435nm vor Rangiroa
COG: 120°
SOG: 6,5kn
Etmal: 153nm
Wind: NNW 4 Bft.
Wellen: 1m
Stömung: SSE 0,8kn
Wetter: heiter, 29°C
Segel: Genua + Groß, raum
Es läuft gut! Zügig und komfortabel bei raumem Wind, das ist doch etwas Anderes als das
Am-Wind-Gebolze. Und mittlerweile ist sogar der Strom mit uns. Da ich mich über die
ungenauen und z. T. falschen Strömungs-Angaben in den Segelführern geärgert habe, bin ich
mal im Internetz auf die Suche nach brauchbaren Informationen gegangen: es war ganz
einfach! Bei Windy, meiner Standardwettervorhersage, gibt es eine Seite mit
„Meeresströmungen“. Und die stimmt! Oben rechts in der weißen Strömung (weiß = >3kn)
liegt Christmas Island. Also, ab jetzt nicht nur Wind-, sondern immer auch Stromvorhersage vorher runterladen, die ist genauso wichtig.
Die Angelei läuft ebenfalls gut, ich fange den größten und schwersten Bonito (15kg?) meiner
Angelkarriere. Der Köder hält, der Haken bricht nicht, das Vorfach bricht nicht, die Leine
bricht nicht, nur die Angel bricht mittendurch. Grrrr… Für die war er zu schwer, ich muß mir
für die Einhandfischerei eine andere Strategie überlegen. Wie kriege ich den Fisch an Deck,
ohne die Angel zu überlasten? Ganz ohne Angel, nur mit Leine fischen? Na ja, spätestens in
Papeete gibt es massenhaft neue Angeln.
Die Fischmenge muß verarbeitet werden, die kann ich nicht in drei Tagen aufessen. Daher
wird ein großer Teil in Gläsern eingekocht. Das Gas ist knapp, also mache ich das (sparsam)
auf der Elektroplatte. Darauf kann man aber den Schnellkochtopf nicht festklemmen. Da
genügt im Seegang schon ein kleiner Moment der Unaufmerksamkeit, um den schweren Topf mit Karacho auf die Bodenbretter zu befördern. Das macht tiefe Rillen im Boden und läßt die Einmachgläser darin zerbrechen. Grrrr….. Sparsamkeit funktioniert nicht in Kombination mit Dummheit und Unaufmerksamkeit.
Dummheit und Unaufmerksamkeit tun manchmal richtig weh, z. B. wenn man den
Backskistendeckel öffnet, im Seegang nicht festbindet und die Hand drunter hat. Der Deckel
ist nämlich recht schwer und schließt recht zügig. Zum Glück bricht nur die Haut und nicht
der Mittelhandknochen. Ob das aber meinem Schädel hilft?
13. Januar 2025, nördlicher Südpazifik, in Lee von Tikehau
COG: 100°
SOG: 5kn
Etmal: 158nm
Wind: NW 6 Bft.
Wellen: 2m
Stömung: SE 1kn
Wetter: bedeckt, Nieselregen, 30°C
Segel: Fock
Die ersten drei Tage waren herrlich, das kann doch nicht so bleiben. Gestern wird es regnerisch und windiger, und prompt knallt’s. Zum dritten Mal reißt es einen der 10er Bolzen ab, die die Windsteueranlage halten. Diesmal habe ich zwar Ersatz an Bord (bin lernfähig), aber keine zweite Hand, die den Bolzen von außen durch das Heck führt und gegenhält, währen ich von innen die Muttern aufschraube. Den alten raus und den neuen von achtern rein, das klappt ja noch. Auch die ersten Umdrehungen der Mutter von innen, aber dann dreht sich der Bolzen natürlich mit. Ich überlege mir eine abenteuerliche Konstruktion, die den Schraubenschlüssel im Heck auf der Mutter fixiert, damit die sich nicht drehen kann und ziehe den Bolzen von außen fest. In voller Fahrt, das Ganze, aber bei raumem Wind. Uff! Hier muß eine andere Lösung her, die Bolzen sind demnach zu schwach. Beide Löcher aufbohren und 12er Bolzen mit entsprechend größeren Buchsen nehmen? Da habe ich wohl in Papeete eine Aufgabe.
Wenig später knallt’s erneut. Diesmal ist der Mantel der Genuaschot gerissen. Der Kern hält noch, aber zum Einrollen muß der hintere Teil des Mantels auch durch die Schotklemme. Eine halbe Stunde Gefummel und Gezerre mit Schraubenzieher und Zange, dann ist er durch. Die Genua kann jetzt noch einmal gerefft werden, vor ihrem nächsten Einsatz muß ich die Schot ersetzen. Ersatz ist an Bord.
Den dritten Knall höre ich nicht, aber er ist da. In der Nacht kommen mehrere Squalls, trotz 2. Reffs im Groß und halb weggerollter Genua wird es heftig. 39kn stehen auf dem Speedometer, 8Bft. In der Fast-Flaute, nachdem gerade einer durch ist, sehe ich schon wieder den Himmel hinter mir dunkler werden. Nicht komplett schwarz, dann wird es wohl nicht so schlimm. Ganz falsch. Das ist nicht irgendein Squall, das ist DER SQUALL. Soviel Wind und Regen habe ich noch nie erlebt. Obwohl die Genua komplett eingedreht ist, legt sich das Boot auf die Backe und macht Anstalten, in den Wind zu schießen. Ich muß ans Ruder und abfallen. Da ist ordentlich Druck auf dem Ruder. Plötzlich ist gar kein Druck mehr da, das Rad dreht frei. Steuerseile gerissen, ist mein erster Gedanke. Ich habe zwei Ruder, das andere geht noch. Ich halte es nur fest, damit dessen (Draht-!)Seile nicht auch noch reißen und hoffe, daß der Spuk bald vorbei ist. Er kam zu schnell, um mir etwas anzuziehen oder die Salonluke zu schließen. Aber so schnell geht er nicht vorbei. Ich kann weder die Zeit noch die Windstärke noch irgendwas auf dem Display ablesen, der Regen ist zu stark. Wenn es vorhin 39kn waren, dann sind das jetzt wesentlich mehr. Mir wird kalt. Irgendwann ist auch DER SQUALL durchgezogen, ich kann das Ruder feststellen, die Luken schließen, mich abfrottieren und den Salon und die Pantry auch.
Oh Mann, diese Nacht ist nicht lustig. Ich brauche eine Strategie hierfür und habe noch keine. Bei einem Sturm auf See würde ich beidrehen und abwarten. Mit dem Wechsel zwischen Sturm, Flaute und Starkwind aus verschiedenen Richtungen komme ich nicht zurecht, so schnell und ständig kann ich nicht reffen, ausreffen, Spibäume, Passatsegel und Bullenstander setzen, wegnehmen und beidrehen. Irgendwann entscheide ich mich, nur noch unter Selbstwendefock zu fahren. Das heißt in den Schwachwindphasen fahre ich fast gar nicht, aber als der nächste Squall dann kommt (Nr. 5 oder 6?) stelle ich den Autopiloten auf 10° vor dem Wind und mache die Salontür zu, denn es regnet durch bis zum Navitisch. Und warte ab. Und so geht’s.
14. Januar 2025, 10nm vor Tiputa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Gestern Mittag komme ich vor dem Paß von Tikehau an und fahre vorsichtig ran, um die Lage zu begutachten. Eigentlich sollte jetzt das Wasser reinwärts strömen, aber es kommt mit Wucht heraus und trifft frontal auf den dort herrschenden Seegang. Das ist zwar sehr beeindruckend, aber wenig einladend: knackige, mehrere Meter hohe, aber kurze, brechende Wellen. Ein 100-Fuß-Boot könnte es vielleicht schaffen, ich sicher nicht. Lieber eine weitere Nacht auf See als alle weiteren Nächte unter See.
Ich segele auf die Leeseite von Tikehau und drehe dort bei. Ist das herrlich ruhig hier! Da koche ich mal Gulasch mit Reis. Während eines Squalls schmeckt der am besten. Man braucht auch keine Angst zu haben, daß der Anker nicht hält, beiliegen ist optimal, wenn in Lee viel Platz ist. Apropos: meinen Treibanker, seinerzeit ein Geschenk von Uwe d. Ä., hat es auch zerrissen.
In der Morgendämmerung fahre ich dann los, 27nm bis zum Avatoru-Paß von Rangiroa, das Wetter hat sich beruhigt, gegen 11:00 Uhr soll dort Slacktime sein.
Nur zur Info: Im Prinzip bin ich jetzt rum, denn ich habe über 21.600nm auf dieser Reise absolviert, was dem Erdumfang entspricht. Ob die Champagner auf Rangiroa haben?
16. Januar 2025, Tiputa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Ich habe die Steuerkette zerrissen, nicht die Seile (ist aber ein Bauteil). Ich! Mit meinen eigenen Händen am Steuerrad! Das ist keine Fahrrad- oder Mopedkette, das ist eine ausgewachsene Motorradkette, die sollte eine Kraft von mind. 20PS ohne zu murren übertragen können. Ich habe gar keine 20PS, maximal 1OS.
Eine der freudigsten Überraschungen heute beim Blick in mein umfangreiches Ersatzteilreservoir: ich besitze vier passende Kettenschlösser! Halleluja! Also nur das gebrochene Glied rausflexen und die Enden mit dem Schloß verbinden, alles wieder zusammenfriemeln, fertig. Juut!
Hier habe ich mich an eine freie Mooring gebunden, der Grund ist 10m tief und voller Bommies. Ankern ist schwierig, man muß einen Sandfleck finden und dann wieder die Kette mit Fendern floaten. Bisher hat mich noch niemand verscheucht oder Geld verlangt.
Bis zum Hauptort sind es allerdings 8km, ich bin die Strecke jetzt schon mehrmals getrampt, das klappt ganz gut. Es gibt eine Gendarmerie zum Einklarieren, eine Poste, um eine SIM-Karte zu kaufen, einige Läden mit übersichtlichem Angebot (Baguette, Foie de Canard und Camembert sind zum Glück darunter) und einige Snackbars, wie immer mit sehr gutem Poisson Cru. Aber keine Möglichkeit, meine Gasflaschen zu füllen. Der Flughafen ist recht aktiv, es kommen täglich mehrere Maschinen.
Und ich bin wieder in der Szene, um mich herum ankern ein gutes Dutzend Boote , davon zwei deutsche, die sind zum Abendbrot geladen. Ich werde mir Mühe geben, sie nicht tot zu quatschen, meine 1000? Wörter pro Tag habe ich ja seit Monaten aufgespart.
22. Januar 2025, Tiputa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Entspanntes Arbeiten im Paradies. Der UV-Schutz der Genua ist an vielen Stellen abgerissen und flattert im Winde. Die Nähte lösen sich immer als erstes auf, weil die Fäden nicht wirklich UV-stabil sind. Das Segel liegt auf Deck und wird genäht, z. T. per Nähmaschine (aber nur ganz langsam mit Handrad), z. T. per Hand. An den verstärkten Stellen muß ich jedes Loch erst vorbohren, da kommt man nicht mit der Nadel durch. Das zieht sich etwas, aber es drängt auch nichts. Bis ich mit dem Segel fertig bin und mich ausreichend verproviantiert habe, dauert es bestimmt noch eine Woche, solange bleibe ich hier.
Das Wetter ist gut, hin und wieder zieht mal ein Squall durch, aber meine Mooring hält und ich liege im Lee der Küste in ruhigem Wasser.
Von einem holländischen Segelboot bekomme ich ein Viertel ihres gerade gefangenen riesigen Thunfischs geschenkt, der von mir und den deutschen Katamarankollegen nebenan für alle zubereitet wird, das schmeckt und ergibt einen netten Abend.
Vielen Dank für alle Geburtstagsgrüße!
27. Januar 2025, Tiputa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Segel nähen, Lazy Bag nähen, Bettlaken nähen, T-Shirts nähen, Regencover nähen… Wenn ich statt der Nähmaschine und dem Handnähzeug ein Schweißgerät an Bord hätte, würde ich wohl durchgehend schweißen.
Zwischendurch schnorcheln im Aquarium (ähnlich viele Fische, aber nur graue Korallen), einkaufen (extrem teuer, drei Tüten voller Nahrungsmitteln 250€), die (wieder mal) komplett verrostete Gasflasche entrosten, grundieren und lackieren, Unterwasserschiff abkratzen (von dem in Penrhyn neu montierten Bugstrahlpropeller fehlt schon ein Blatt!!), Ersatzteile bestellen und deren Transport nach Tahiti organisieren, Grillparty geben, Wäsche waschen, Staub wischen, Deck vom Seeschwalben-Guano befreien (aufdringliche Biester), Wattenstreß…
30. Januar 2025, Tiputa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Was in Penrhyn die Haie sind, sind hier die Vögel: eine Plage. Sie fressen mir zwar nicht meine Beute weg, scheißen mir aber mein Schiff voll. Und meinen, das wäre ihr Recht. Man muß bis auf 50cm rankommen, bevor sie sich endlich davonmachen. Weißkkappen-Noddi heißen sie laut Internetz, eine Seeschwalbenart. Ich finde Scheißkappen-Noddi passender.
Heute ist mal wieder Bewässerungstag, das tut mir sooo leid für die armen Kreuzfahrttouristen, die sich bestimmt auf einen sonnigen Strandtag gefreut haben. Aber erstaunlich, daß der Kahn durch den Paß paßt!
4. Februar 2025, Tetatupa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Wenn einem langweilig wird, fährt man einfach weiter. Zum Beispiel 30nm in die Südostecke der Lagune, das geht bei NE 4 und glattem Wasser hervorragend, eigentlich ist die Fahrt auch wieder langweilig. Hier gibt es freie Ankerplätze auf 5m korallenfreiem Sand zuhauf und kostenlos. Ansonsten nur Palmen und unbewohnte (?) Insel voraus.
Apropos: es geht auch nur noch voraus. Beim Abstoppen zum Fallenlassen des Ankers fährt das Boot immer schneller voraus, je mehr Gas man im Rückwärtsgang gibt. Oder im Leerlauf. Mittlerweile rege ich mich über sowas schon gar nicht mehr auf. Einfach Motor aus und Anker runter. Die Fehlersuche im Motorraum ist erfreulich kurz: Schraube locker. Weil Mutter abgefallen. Daher kein Zug mehr am Bowdenzug. Schon wieder langweilig.
Ich befürchte, es gibt hier keinen Fisch zu angeln oder zu schießen, das Wasser ist sehr trübe und halt korallenfrei. Na, schaumerma. Demain. Ou après-demain.
6. Februar 2025, Tetatupa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Den letzten Beitrag kann man sich gerne auch bei YouTube oder auf seinem alten Kassettenrekorder anhören, man hat mich zu Recht darauf hingewiesen, daß das Thema bereits vor über vierzig Jahren von „Ideal“ unter dem Titel „Monotonie“ vollumfänglich musikalisch abgearbeitet wurde.
Gestern habe ich zumindest vier Kokosnüsse erlegt und geschlachtet und vier schöne Muscheln gefunden. Das Motu vor mir beherbergt tatsächlich nur die Reste einer Behausung, der noch bis vor kurzem hier ansässige Einzelbewohner ist im Urlaub oder weggezogen.
Mit Fisch sieht es weiterhin trübe aus.
11. Februar 2025, Tetatupa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Schee isses. Und mit nur einem (deutschen!) Ankernachbarn isses auch ausreichend bevölkert. Da kann ich hin und wieder Gesellschaft und etwas zu essen finden.
An Land finde ich wie immer Kokosnüsse und nach einer beschwerlichen Wanderung durch die zerklüfteten Korallenformationen auch den Weg auf die andere Seite zum Ozean. Und dort wiederum einen großen Brocken (>1kg) Ambra! Das Internetz behauptet immer noch, der wäre 50.000€ wert. Jetzt bin ich reich. A schees G'fuil.
16. Februar 2025, Tetatupa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Ich muß tatsächlich eine halbe Meile ums Kap herumfahren und heute noch eine viertel Meile weiter, weil der Wind kräftig aus NW bläst. Das macht vor dem Weststrand eine unangenehme Welle, also verkrieche ich mich auf die Leeseite des Kaps. Da isses wesentlich ruhiger. Landschaftlich isses ähnlich. Der NW bringt auch einige Squalls mit, meine neue Regenplane bewährt sich und fängt einige Eimer Wasser auf. Nachdem die Plane ordentlich gespült wurde, ist das sogar trinkbar. Keine Diarrhoe bisher.
Ich bastele und putze, mache Strand- und Waldspaziergänge und versuche relativ erfolglos, Yoghurt aus Trockenmilch herzustellen. Entstanden sind bisher nur Frischkäse oder Trinkyoghurt.
20. Februar 2025, Tetatupa, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Es ist wunderschön.
Eigentlich ist es nur Licht mit einer Wellenlänge von 490 - 4495nm. Man kann es daher als Farbe bezeichnen. Weil ein Mineral, das seinerzeit häufig von den Türken verarbeitet und gehandelt wurde, genau diese Farbe hat, heißt die Farbe heute Türkis. Bis vor siebzig Jahren sagte man noch „Blaugrün“ oder „Grünblau“. Türkis klingt romantischer, vor allem das englische und französische „turquoise“. Es muß auch irgendwas mit Romantik zu tun haben, obwohl das grünliche Türkis, das man in Eisbergen und Gletschern sehen kann, als die am kältesten empfundene Farbe gilt. Vielleicht sorgt der Kontrast mit dem über dreißig Grad warmen Wasser und den Palmen für das angenehme Gefühl.
Sogar die Bäuche der weißen Seeschwalben, die über das Wasser fliegen, schimmern türkis. Genau wie die Wolken über einer noch weit entfernten Lagune, wenn man von See kommt.
Es ist halt eine wunderschöne Farbe.
28. Februar 2025, Otetou, Rangiroa, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Morgen beginnt ein neuer Monat, da muß ich endlich weiter fahren. Nach Tikehau, vor dem Paß stand ich ja schon mal. Der Wind soll etwas schwach sein, aber nur morgen kann ich um 06:00 aus dem hiesigen Paß raus und um 18:00 durch den dortigen Paß wieder rein und in der Zeit dazwischen die Strecke von 45nm absolvieren. Also werde ich heute noch das Dinghy verpacken und mich verabschieden von den Weißkappen-Noddis und von der Crew meiner Weimaraner Katamaraner, die bleiben noch, haben ja im Gegensatz zu mir keinen Termin in Papeete in drei Wochen. Da kriege ich Besuch, denn Papeete läßt sich im Gegensatz zu Penrhyn relativ gut mit Air France erreichen.
Der Yoghurt ist mir gelungen! Es funktioniert nur mit Vollmilch, nicht mit Milchpulver.
04. März 2025, Garten Eden, Tikehau, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Die Überfahrt ist einfach, der Gezeitenberechner für die Pässe scheint allerdings ein Stunde zu spät dran zu sein. Na egal, ich habe nur noch einen Paß vor mir, wenn ich hier wegfahre.
Der Ankerplatz gleich hinter dem Paß ist knackevoll, oben mit Booten, unten mit Bommies. Die Boote sind die der Tauchfans unter den Seglern, die mögen den Paß. Daher fahre ich gleich am nächsten Tag weiter in die Einsamkeit Tikehaus. An der Nordostküste gibt es nur ein verlassenes Dorf, das village ancient. Ich bin der einzige Segler, aber die Gegend ist nicht menschenleer. Am Strand haust Didier, er erntet sofort mehrere Kokosnüsse für mich und gibt mir ein selbstgebackenes Brot. Die Nüsse sind sehr gut.
Die Konversation ist aufgrund meiner mangelnden Französischkenntnisse eher begrenzt. Jedenfalls lebt er hier alleine mit dem Grab eines seiner Brüder und seinem Hund und seinen Hühnern. Er produziert Copra, um etwas Geld zu verdienen. Bis auf ein paar Zähne hat er ansonsten alles, was er braucht, es gibt Kokosnüsse, die erntet er mit einer langen Stange mit Haken am Ende. Und es gibt Fische, die speert er mit einer langen Stange mit vielen Spitzen am Ende. Strom für das Handy und die Glühbirne kommt über ein Solarpaneel, das Wasser fällt direkt vom Himmel, das wichtigste Gemüse baut er selber an, die Küche ist voll ausgestattet.
05. März 2025, Garten Eden, Tikehau, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Beim Ankern schreibe ich ja kein Logbuch, dadurch ist mir ganz entgangen, daß ich seit letzter Woche schon 1000 Tage unterwegs bin. Ein wichtiges Jubiläum!
Nach so langer Zeit muß mal wieder etwas kaputt gehen, diesmal ist es das Herzstück des Schiffs: die Kaffeemaschine. Une catastrophe! Aus einem speziellen Bauteil spritzt das Wasser raus, weil es einen Riß hat. Dieses Bauteil aus POM ist auf Tikehau sicher schwer zu bekommen, also muß eine russische Lösung her. Wenn bei den Russen irgendwas irgendwo nicht dicht ist, kippen sie im Allgemeinen Beton drauf, das hat sich v.a. in Tschernobyl bewährt. Beton mache ich mir aus Sekundenkleber und Natron. Das dichtet schnell und zuverlässig - für zwei Kaffee, dann spritzt es wieder. Vielleicht habe ich die russische Methode nicht richtig verstanden, es braucht wohl nicht nur Beton, sondern mnogo Beton. Also die Prozedur des Öffnens der Maschine nochmal und ordentlich druff, Kleber und Natron im Wechsel in mehreren Schichten. Bis jetzt hält es… Die Kaffemaschine ist übrigens der einzige Teil des Schiffes, von dem ich einen kompletten zweiten dabei hätte. Segel, Mast, Motor, Kiel u. ä. sekundäre Ausrüstung ist dagegen nur einmal vorhanden.
06. März 2025, Garten Eden, Tikehau, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Njet, Beton hilft nicht, der Druck ist wohl zu groß. Man muß das Bauteil komplett ersetzen. Bis dahin darf sich die Ersatzmaschine über ihren Einsatz freuen.
Das Motu, vor dem ich ankere, heißt l'Île d'Eden, weil eine kleine chinesisch-evangelische Sekte mit diesem Namen hier lebt. Zwei freundliche Familien betreiben natürliche Landwirtschaft und verkaufen dem interessierten Touristen, was sie übrig haben. Mir zum Beispiel Salat, Kräuter, Papaya, Zitronen, Meersalz und Perlen. Schweinefleisch und Honig sind gerade aus und ein ganzes Hähnchen ist mir etwas viel. Von den Plakaten am Wegesrand lächelt der alte chinesische Sektengründer - den sie ihren Apostel nennen - freundlich auf seine Schäfchen herab, die in kleinen Gruppen über die ganze Welt verstreut leben, von Tikehau über Afrika bis Bremerhaven.
12. März 2025, Makatea, Tuamotus (Französisch Polynesien)
Tikehau liegt hinter mir, mitsamt seinen Gewittern und seinem Paß. Bin 55nm gen Süden gefahren, bis ich vor Makatea eine freie Mooring nehmen konnte. Im Gegensatz zu den anderen Tuamotu-Atollen ist Makatea eine herausgehobenes, der ganze Korallenklops wurde durch irgendwelche tektonische Schweinereien ca. 100m aus dem Meer gedrückt. Während die schweren Inseln (Tahiti, Moorea, Raiatea etc.) auf der einen Seite der Platte abgesunken sind, hat es die andere Seite hochgehebelt. Deshalb muß man auf dem Weg ins Dorf, das Inselinnere oder die andere Seite erst einmal 100 Höhenmeter überwinden. Immerhin findet man oben dafür einen anständigen Regenwald und die Überreste des bis 1966 hier betriebenen Phosphatabbaus. Was man nicht findet, ist eine neue Batterie für das Bugstrahlruder, die meine ist nämlich im Wortsinne abgeraucht. Erst am Geruch und am Nebel im Vorschiff habe ich die Ursache für die Arbeitsverweigerung des Bugstrahlruders erkannt, hatte schon fast alles auseinandergenommen. Wenn es „nur“ die Batterie ist, kann ich auf Tahiti sicher irgendwie eine neue bekommen. Das Anlegen im Hafen wird halt schwierig ohne.
15. März 2025, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Es ist einiges zu tun und zu besorgen, also fahre ich am Donnerstagmorgen los. Der Wind meint es zu gut für die 125nm nach Papeete, denn ich komme schon nachts um 03:00 Uhr an. Nicht schlimm, da gehe ich in die weiträumige Ankerbucht hinter dem Pointe Venus, schmeiße den Anker in den Sand und mich für 3h in die Koje. Am Morgen dampfe ich dann mit allen Fendern behangen in den Yacht Club und tatsächlich ist der Kopfsteg noch frei, da kann ich bei wenig Wind ganz einfach längsseits anlegen. Tres bien!
Diesmal miete ich mir ein Auto, die Batterie wiegt knapp einen Zentner, die Yachtausrüster liegen weit verstreut und weit weg und das Bier ist auch alle. Der erste Laden, in dem ich nachfrage, hat genau die Batterie, die ich brauche. Formidable! Zum gleichen Preis wie in Deutschland, nicht mal die übliche Mindestverdopplung. Tres formidable! Erst mache ich alle Besorgungen mit dem Auto, dann werde ich die Batterie einbauen. Hoffentlich klappt es…
In Tahiti ist es - wegen der hohen Berge in der Mitte? – etwas kühler als auf den heißen Tuamotus, insbesondere nachts sind Temperaturen unter 30°C sehr willkommen.
Ich bin mal wieder der einzige fremde Gast am Steg, das ist irgendwie angenehmer, als wenn alles um einen herum voller Yachties ist. Hier sind es nette Leute mit völlig anderen Interessen. Einer verkauft mir sogar eine Packung Coppercoat, was beim letzten Mal nirgendwo zu haben war.
19. März 2025, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Es geht voran, die Besorgungen sind alle besorgt (neue Angel! u.a.), die vor einem Jahr das letzte Mal besuchten Freunde sind besucht, das Schiff ist sauber(er), der Tank ist voll, der Keller ist voll, der Bug strahlt und rudert wieder, die Lazy Jacks sind geflickt und das grüne Positionslicht brennt wieder. Die Arbeiten im Mast (das Dampferlicht geht nicht mehr und das Rigg muß kontrolliert werden) sind erst nach Eintreffen der Crew zu erledigen, die mich hoch und wieder runter lassen muß.
Eine Katastrophe aber doch noch: tatsächlich finde ich jemanden, der mein Ambra kaufen würde. Leider stellt sich dabei heraus, daß es gar kein Ambra ist, sondern nur Paraffin oder ein ähnliches Wachs. Jedenfalls wertlos. Nun bin ich wieder arm. Koa schee’s G’fuil…
Again what learned: Ambra wäre niemals transluzent. Und es würde seehr stark riechen.
27. März 2025, Cooks Bay, Moorea (Französisch Polynesien)
Seit meine Frau an Bord ist, machen wir Wanderurlaub. Auf Tahiti nur 2h, auf Moorea schon 5h. Die Cooks Bay und die umliegenden Felsklöpse sind aber auch zu schön. Zum Glück gibt es nur zwei Dinghyminuten entfernt ein klassisches französisches Restaurant. Da kann man sich dann ein wenig erholen. Es ist nämlich recht steil.
Zwei Aufgabegepäckstücke mit Ersatzteilen und anderen wichtigen Dingen sind schon ausgeräumt und teilweise verbaut, aber da ist immer noch Arbeit für einige Tage.
30. März 2025, Haapiti, Moorea (Französisch Polynesien)
Ankern auf 2,70m weißem Sand hinter dem Riff. Kristallklares Wasser, Rochen, Haie, Korallen, keine Wellen, alte Kirchen, alte Freunde, eine ausgerissene Kardeele in der Backbord-Unterwante. Es hätte so schön sein können… Wenn eine raus ist, dann folgt zeitnah die zweite usw. Zum Schluß kommt der Mast. Die ganze Wante muß in so einem Falle ersetzt werden und die gegenüberliegende gleich mit. Die Endstücke werden mit hohem Druck auf das Drahtseil aufgewalzt, dazu braucht man das entsprechende Gerät und das gibt es nur in Papeete. Vorwärts, es geht zurück!
02. April 2025, Papeete, Tahiti (Französisch Polynesien)
Wir kommen am Montagnachmittag an und kriegen problemlos einen Platz in der Marina. Am Dienstagvormittag kommen die Rigger und am Dienstagnachmittag sind sie fertig. Magnifique! Vor lauter Schreck bleiben wir noch den Mittwoch und besorgen ein paar Dinge, die man halt so braucht. Und gehen sehr gut essen und trinken, Maman ist ja im Urlaub. Es gibt Perlenausterncarpaccio und Papageifischfilet. Mehr Südsee geht nicht.
05. April 2025, Baie d‘Avea, Huahine (Französisch Polynesien)
Mit neuen Unterwanten und neuem Starlink! (hat Kristine mitgebracht) geht es über Nacht nach Huahine, und zwar ganz ruhig und gemächlich mit raumen 3-4Bft. Im letzten Zipfel der letzten Bucht liegt schon die DESTINY mit frisch gebackenen Frühstücksbrötchen. Mehr Südsee geht nicht.
Ein bißchen schnorcheln und ein bißchen basteln, die Windsteueranlage kriegt zwei 12er Bolzen statt der dreimal gebrochenen und xmal gelockerten 10er. Das wird allerdings ein aufwändiger Job über zwei Tage.
06. April 2025, Baie d‘Avea, Huahine (Französisch Polynesien)
Sonntagslunch aus dem Erdofen im „Chez Tara“. War beim letzten Mal schon gut und reichlich und ist es auch diesmal wieder. Obwohl man den polynesischen Erdofen nicht wirklich mit der französischen Küche vergleichen kann. Alles kommt entweder kleingehackt oder am Stück in Bananenblätter und dann über Stunden in’s Loch. Da wird nichts gewürzt, das Gewürz ist Rauchgeschmack und Bananenblätteraroma. Die Sauce ist Kokosmilch.
09. April 2025, Baie Tapuamu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Wir fahren mit Schmetterling und 5Bft. in 5h nach Raiatea, gehen in Uturoa einkaufen und verziehen uns danach sofort hinter’s Riff, tatsächlich kriegen wir die letzte freie Mooring ab.
Gestern dann eine Stunde weiter zum Coral Garden, der wieder sehr beeindruckend an uns vorbeirauscht (starke Strömung heuer), aber trotzdem mit der (diesmal nicht vergessenen) Unterwasserkamera festgehalten wird.
Heute morgen kommt ein Boot der Gendarmerie Nationale zum Nachbarschiff und macht dort fest. Schneller bin ich noch nie Anker auf gegangen, trotz Mamans Protesten von wegen „Frühstück“ und „kein Streß“. Es gibt keine streßfreien Behördenbesuche, schon gar nicht vor dem Frühstück. Wir sind weg, bevor die Kontrolle auf dem 1. Schiff vorüber ist. Alle anderen Ankerkollegen werden der Reihe nach besucht, komischerweise fahren die meisten danach los, viele davon in unsere Bucht, aber wir waren vorher da und haben die einzige verbliebene Mooring besetzt. Völlig streßfrei.
12. April 2025, Baie Tapuamu, Tahaa (Französisch Polynesien)
Auch nach Bora Bora kommen wir mit Rückenwind und entspannt. Gleichermaßen entspannt ist hier die aktuelle Mooringsituation, es herrscht viel Leerstand. Der Preis ist noch der alte, 4.000 Polynesische Franc pro Nacht. Der Yachtclub hat dagegen eine neue Bewirtschaftung und neue Toiletten, das französische Essen und die happy-hour-drinks sind nach wie vor sehr gut. Wir genießen das alles, bevor ich Maman heute zum Flughafenzubringerboot zubringen muß. Jetzt sieht sie sich die Gegend von oben an.
Ich selbst werde aber böse ausgebremst, zum einen von der Gendarmerie, die mich erst am Montag ausklarieren will, zum anderen vom Wind, der die nächste Woche entweder gar nicht oder aus NW blasen soll. Frustriert binde ich mich von der teuren Mooring los und verziehe mich auf den einzigen offiziell erlaubten Ankerplatz im Norden von Bora Bora, um am Montag früh einen neuen Angriff auf die Behörden zu starten. Wenn das klappt, würde ich mit dem montäglichen Restwind noch nach Maupiti fahren und dort (weil paradiesisch und kostenfrei) auf den Wind nach Penrhyn warten.
Meine schöne neue Angel ist perdu. Ich habe vergessen, sie aus der Halterung zu nehmen und wegzupacken. Das ist irgendeinem aufmerksamen Zeitgenossen nicht entgangen und er hat das in unserer Abwesen- oder der Dunkelheit für mich erledigt. Die Sicherungsleine hat er dran gealssen. Grrrrr….
14. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Den Tag am Ankerplatz nutze ich für den Bau einer neuen Angel aus Bordmitteln, die Rute wird ersetzt durch einen alten Motorradschlauch, die Trollingrolle durch ein vietnamesisches Plastikrad, die geflochtene Hochleistungsschnur durch monofile aus China und der Tintenfisch durch eine alte Zahnpastatube. Funktioniert wunderbar (fängt auf der Überfahrt nach Maupiti aber nix).
Sonntagabend kehre ich zum Yachtclub zurück, die Happy Hour und der Thunfischburger haben doch eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Außerdem ist abends der Controlleur schon durch und am nächsten Morgen um sieben, wenn ich ablege, noch nicht wieder da. Ich fahre zum Stadthafen und marschiere ins Gendarmeriebüro, dort liegt meine Clearance bereits sauber ausgedruckt auf dem Tresen, da habe ich noch Zeit für einen Einkauf im „Champion“. Die letzte Tüte Müll entsorgen und zügig ablegen. Fast ebenso zügig legt kurz darauf der Controlleur im Stadthafen ab, fährt ziemlich zügig an meine Steuerbordseite, macht dort erstaunlich zügig fest und kassiert ganz zügig seine 4.000XPF für die letzte Nacht vorm Yachtclub. Nun gut, im vorigen Jahr hatte ich es geschafft, ihn zweimal auszutricksen, dann steht es halt 2:1.
Maupiti ist wunderschön, jedenfalls will ich hier viel lieber liegen und auf Wind warten als in Bora Bora. Wie wählerisch man doch wird, wenn man die Wahl hat. Diesmal ist es aber voller (auf jedem der zwei Ankerplätze etwa 10 Boote) und der Paß ist etwas wilder, aber mit der Erfahrung vom letzten Jahr und unter Segeln plus Motor geht es recht zügig, trotz 3,5kn Gegenstrom.
17. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Arbeiten im Paradies, was sonst. Ich installiere das in Tahiti erworbene, zusätzliche Solarpaneel und den dafür aus Berlin mitgebrachten Regler. Inkompatibel. Hätte ich vorher gewußt, was ich jetzt (nach zielgerichteter Internetrecherche) weiß… Dann muß ich das Teil erst einmal ohne Regler betreiben, bzw. ich bin der Regler: falls die Batterien zu voll werden sollten (IST NOCH NIE PASSIERT), muß ich abschalten.
Das Paradies sorgt vergangene Nacht selber für Arbeit am heutigen Tag, indem es einen Sturm mit Stärke 8 zwischen vier und fünf Uhr über den Ankerplatz toben läßt. Das raubt Schlaf und Nerven und zieht einige Folgeschäden nach sich, die aber reparabel sind.
Bisher war ich noch nicht an Land, vielleicht morgen? Aber heute regnet es fast den ganzen Tag, nicht wirklich einladend...
18. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Das Paradies ist abwechslungsreich, im Moment bietet es Flaute und Dauerregen. Und schwere Entscheidungen: das Windfenster für Penrhyn ist zusammengeschmolzen auf Samstag bis Dienstag, also drei Tage, dann geht der Wind weg und kommt wieder: von vorn. Ich brauche aber mindestens viereinhalb Tage, das hieße zum Schluß fast zwei Tage kreuzen. Hm. Ansonsten müsste ich noch über eine Woche auf den Standardpassat warten, aber die Vorhersage für über eine Woche im Voraus ist mit Vorsicht zu genießen. Hm.
In der Kirche am Ufer singt man sich schon auf Ostern ein, fast täglich wehen die getragenen Hymnen der auch hier sangesfreudigen Polynesen zum Schiff herüber.
In einer Regenpause schaffe ich es wenigstens mal an Land für einen kleinen Spaziergang.
20. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Frohe Ostern!
Tatsächlich schaffe ich es trocken und pünktlich in die Kirche, (Oster-)Sonntag Punkt 10:00 ist demnach ein weltweiter Standard. Es ist sogar eine evangelische Kirche, recht bunt und locker und laut, insbesondere der - von Gitarren und Ukulelen begleitete - Gesang. Nicht schlecht, aber die Cookies sind noch besser. Es wird das volle gottesdienstliche Programm geboten, inklusive dreier Taufen, dreier Konfirmationen und des Abendmahls. Zwei Stunden auf der harten Holzbank, oh oh…
Trotz österlichen Gesanges will der Passat allerdings nicht zeitnah auferstehen, ich muß noch mindestens eine Woche warten. Weil mein teurer Predict-Wind-Zugang (Wettervorhersageprogramm) einen Fehler aufweist, spendiert mir die Firma großzügig für einen Monat den sauteuren Zugang, um den Fehler in der Zwischenzeit zu beheben. Damit kann ich alles bis auf das kleinste Detail vorhersagen, ausrechnen und vergleichen. So weiß ich jetzt aufgrund der Tabelle in Bild 3, daß ich frühestens am 30. April losfahren soll, (die Tage vor dem 28. sind noch schlechter). Bei Abfahrt am 30. April bräuchte ich insgesamt nur 3,95 Tage, keinen Motor und keine Angst vor Squalls zu haben (CAPE=0,00J/kg), müßte allerdings 24% der Strecke am Wind fahren. Ab 1. Mai dagegen nur 6% und ich wäre noch schneller da. Isses nich doll? Was die Technik alles weiß! Das werde ich nie wissen.
Es sieht also nach einem erweiterten Wanderurlaub auf Maupiti aus, unterbrochen von Phasen der Rumpfreinigung. Und was mir sonst noch so einfällt, wenn mir langweilig wird.
22. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Regen, Regen, Regen… über Nacht füllt sich das Dinghy randvoll und droht morgens zu sinken. Mittlerweile ist mein Kabriodach undicht und es tropft ins Cockpit. Ich kann es neu imprägnieren, aber dazu sollte es trocken sein. Das zusätzliche Solarpaneel scheint eine Fehlinvestition gewesen zu sein, ich muß den Benzingenerator laufen lassen und in den nächsten Tagen zur Tankstelle marschieren.
Meine schöne Bosch-Oszillationssäge „Universal Multi 12“ geht nicht mehr, wahrscheinlich ist der Akku hin. Gibt’s hier gar nicht.
Und Wanderurlaub auch nicht, wer will schon im strömenden Regen auf matschigen Wegen die steilen Berge erklimmen.
Gut, ich brauche den Wassermacher nicht laufen zu lassen, denn ich fange reichlich Regenwasser auf. Das wird durch einen Kaffeefilter und dann in den Tank geschickt Es gibt doch immer einen positiven Aspekt.
24. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Gestern Vormittag und heute Vormittag kein Regen, hin und wieder sogar Sonnenschein! Das ich das noch erleben darf…
Die Ankerwinsch geht schon wieder nicht mehr, weil das Zählwerk den Sensor nicht erkennt. Bekanntes Problem, kein Kontakt wegen korrodierter Verbindung. Seinerzeit ohne Wasserabdichtung zusammengequetscht, hat sich das Salzwasser mittlerweile durch das ganze Kabel bis zu dessen Eintritt in das Schott kapillarisiert. Alle Kupferlitzen sind oxidiert und schwarz, und leiten außen nicht mehr. Auf der anderen Seite zur Winsch ist vom Hersteller ein so dünnes Kabel angebracht, daß sich das ganhz schlecht abisolieren läßt und dabei meist komplett reißt, weil die 5 Litzen darin auch durchkorrodiert sind. Ich müßte ein komplett neues Kabel von hinten aus dem Boot legen und das in der Ankerwinsch auch ersetzen, dazu muß die natürlich ausgebaut werden. Nur weil der faule Elektriker damals bei HANSE keinen Bock hatte, einen Schrumpfschlauch über seine Quetschverbinder zu ziehen, grrrrr… Da ich die Kette mittlerweile alle 5m mit farbigen Einsätzen markiert und seinerzeit zum Glück eine Ersatzfernbedienung gekauft habe, die auch ohne Zählwerksignal funktioniert, gilt dieses Kapitel jetzt als vorläufig abgeschlossen.
Es sieht weiterhin so aus, als könnte ich doch in drei Tagen am Sonntag losfahren.
25. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Heute ist Wandertag angesetzt, es sieht relativ stabil aus, aber dann regnet es doch noch. Da ich nach 10min sowieso klitschnaß bin, ist das auch egal. Der Weg führt fast bis zum Gipfel, dann gibt es einen Abzweig nach unten, den nehme ich natürlich. Leider verliert er sich nach einer halben Stunde an einem Bach mit Wasserfall, während letzterer seinen Weg unbeeindruckt über die Steilwand fortsetzt, traue ich mir das nicht zu und steige die Strecke mühsam wieder bergan bis zum Hauptkamm. Wobei Weg nicht der richtige Ausdruck ist, es handelt sich mehr um Spuren von Leuten, die schon mal hier lang gegangen sind. Meine Pfadfinderqualitäten sind nicht so berühmt und versagen am Wasserlauf halt komplett. Nun gut, anstrengend und schön ist es allemal.
24. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Gestern Vormittag und heute Vormittag kein Regen, hin und wieder sogar Sonnenschein! Das ich das noch erleben darf…
Die Ankerwinsch geht schon wieder nicht mehr, weil das Zählwerk den Sensor nicht erkennt. Bekanntes Problem, kein Kontakt wegen korrodierter Verbindung. Seinerzeit ohne Wasserabdichtung zusammengequetscht, hat sich das Salzwasser mittlerweile durch das ganze Kabel bis zu dessen Eintritt in das Schott kapillarisiert. Alle Kupferlitzen sind oxidiert und schwarz, und leiten außen nicht mehr. Auf der anderen Seite zur Winsch ist vom Hersteller ein so dünnes Kabel angebracht, daß sich das ganhz schlecht abisolieren läßt und dabei meist komplett reißt, weil die 5 Litzen darin auch durchkorrodiert sind. Ich müßte ein ganz neues Kabel von hinten aus dem Boot legen und das in der Ankerwinsch auch ersetzen, dazu muß die natürlich ausgebaut werden. Nur weil der faule Elektriker damals bei HANSE keinen Bock hatte, einen Schrumpfschlauch über seine Quetschverbinder zu ziehen, grrrrr… Da ich die Kette mittlerweile alle 5m mit farbigen Einsätzen markiert und seinerzeit zum Glück eine Ersatzfernbedienung gekauft habe, die auch ohne Zählwerksignal funktioniert, gilt dieses Kapitel jetzt als vorläufig abgeschlossen.
Es sieht weiterhin so aus, als könnte ich doch in drei Tagen am Sonntag losfahren.
26. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Gefangen im Paradies. Ab morgen stimmt zwar der Wind für die Weiterreise, allerdings kommen auch 3m Schwell aus Süden, von einem Sturm unterhalb von Rarotonga. Fette Wellen, die direkt auf den Paß treffen, machen dort Mörderwellen. Ich habe mit den Eingeborenen gesprochen, die sagen zu den zu erwartenden Verhältnissen im Paß so Worte wie „dangereux“ oder, wenn sie des Englischen mächtig sind: „No good.“ Selbst der APETAHI EXPRESS, die Versorgungsfähre, würde nicht reinkommen deswegen. Das ist allerdings ein ernstzunehmender Hinweis. Also nix mehr mit Abreise im April, frühestens nun am 1. Mai. Aber am 2. Mai geht der Wind wieder weg. Und ich gehe nie mehr weg…
Habe mich daher bei der Nachbarschaft vorgestellt, welche aus zwei amerikanischen Single-Handerinnen und einem Single-Hander besteht. Die sorgen für einen typischen Sound, wenn sie sich von Bord zu Bord unterhalten.
29. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Außenbordertage. Was nicht heißt, daß ich viel draußen rum fahre, im Gegenteil: er läuft mal wieder nicht mehr. Folgende Fehler habe ich schon gefunden und repariert:
- Das Luftloch für die Tankbelüftung ist zugerostet.
- Im Vergaser steckt ein Dreckkrümel, der sich manchmal vor den Benzineinlaß der Schwimmerkammer setzt (nicht reproduzierbare Fehler kosten mindestens zwei Tage bevor man sie findet, wenn überhaupt).
- Zündkerze mußte getauscht werden.
Noch nicht gefunden habe ich den Fehler, der dafür sorgt, daß der Motor langsamer wird und manchmal sogar abstirbt, sobald ich die Verkleidung drauf setze. Was ist da los? Mag er mich nicht mehr? Warum alles auf einmal?
Seit drei Tagen versuche ich, die in der Lagune regelmäßig frühstückenden Mantarochen zu Gesicht zu bekommen, das wird bisher durch Dauerregen (=trübes Wasser) und nicht benutzbaren Außenborder verhindert. Heute klappt es aber, rückwärts schleppt mich ein zufällig vorbeirasender Eingeborener dann freundlicherweise ab.
Die Biester sind sehr groß, sehr langsam und aus einer komplett anderen Welt.
30. April 2025, Maupiti (Französisch Polynesien)
Morgen geht’s weiter! Endlich. Die MAUsefalle MAUpiti hat sich geöffnet, heute sind schon die mutigen Schweizer und die todesmutigen Holländer durch den Strudel des Passes entkommen. Ich folge am Labour Day mit den beiden amerikanischen Singlehandern, die ebenfalls nach Penrhyn wollen. Dann wird es dort voll am Montag. Wenn das neue Starlink so funktioniert, wie es soll, werde ich von unterwegs berichten und Panoramabilder von Mahi-Mahis und anderem wohlschmeckendendem Getier hochladen und den Zwischenstand des Maupiti-Penrhyn-Race durchgeben.
02. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 430nm vor Penrhyn
Die französisch-polynesische Gastlandflagge suggeriert auch, daß ich weg muß.
Nun gut, der Paß zeigt sich für seine Verhältnisse recht gnädig, dann aber wechselndes Wetter mit Regen und Winden aus NNE bis SSE und Geschwindigkeiten von 8-22kn. Früher war hier mal stabiller Passat…
Als der Wind heute Nacht auf SSE dreht und für über eine halbe Stunde auch da bleibt, entschließe ich mich trotz Regen und Dunkelheit zum Setzen der Passatsegel, um weiter direkt auf’s Ziel zufahren zu können. Das dauert ewa eine halbe Stunde, der Autopilot hält das Boot in der Zeit stabil vor dem Wind. Als ich zurück ins Cockpit komme, sehe ich auf dem Plotter, daß der Wind vor bereits 20min auf NE zurückgedreht hat und wir schon 2nm in die komplett falsche Richtung gefahren sind. Also alles wieder abbauen und mit Halbwind weiter. Grrrr…
Diesmal bin ich nicht allein, die beiden amerikanischen Singlehander fahren mit, nach einem Tag mit erstaunlichen geringen Abständen, jeweils 5nm, alle brav hintereinander. Is klar, wer führt? Leider klappt das mit der Funkerei nicht wirklich, die können mich hören, aber ich sie nicht. Woran kann das liegen? Empfangen und Senden läuft doch über die gleiche Antenne. Kann ein Empfänger zu schwach sein?
03. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 330nm vor Penrhyn
Ach wie gut habe ich diese Nacht geschlafen (in 20min-Interevallen, klar)! Leichter Raumwind, kein Regen, keine Squalls, keine Winddreher und eine ausreichende Grundmüdigkeit.
Und genau dabei passiert der Super-GAU: die beiden Amis nutzen die Gelegenheit, um mich zu überholen! Als sie nah genug herankommen, um mit ihnen zu funken, frage ich sie nach ihrer Geheimwaffe: Gennaker, Blister, Para-Sailor o.ä.? No, sie würden nur unter Genoa und Main fahren. Ich glaub’s ja nicht, auf dem AIS sehe ich sie mit 6kn durch die Nacht schießen, während mein Windmesser knapp 7kn anzeigt und ich selbst über meine eigenen 4kn Boatspeed nicht unstolz bin. Da werde ich insistieren, da steckt bestimmt Diesel dahinter. Jetzt sind sie vor mir entschwunden, kein Segel mehr zu sehen, kein AIS-Signal mehr zu empfangen. So schnell geht’s. Vom trail blazer zum backmarker.
04. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 250nm vor Penrhyn
Fastflaute, weil die aber von der Seite kommt, bewegt sich das Boot noch mit 1-3kn vorwärts, der Strom hilft auch ein bißchen. Ein kleiner Squall in dieser Nacht, der bringt etwas Wind und Regen, beides ist gut, sonst bleibt es friedlich. Die Thunfische springen, aber nicht an meine neue Motorradschlauchangel. Dann gibt es halt nur Sonnenauf- und untergänge.
Der Kurs ist schlecht für meine Stromerzeugung, vormittags kommt die Sonne von steuerbord, aber das Schiff krängt leicht nach backbord, und nachmittags, wenn sie auf die Backbordseite scheinen könnte, sind die Segel im Weg.
Das ist doch mal eine ermutigende Windvorhersage! Und dazu der korrespondierende Kursverlauf.
05. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 160nm vor Penrhyn
Mittlerweile finde ich es schön, so langsam durch die Gegend zu schaukeln. Etwas Fahrt muß noch da sein, sonst wird es frustrierend, aber so kann man es aushalten. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nicht an. Die Segel werden akribisch getrimmt, noch ein extra Barberholer angebastelt und dann muß man genug Geduld aufbringn, um sie so zu lassen, auch wenn der Wind dreht. Irgendwann dreht er wieder zurück und auch mal in die andere Richtung, das kann man alles mitfahren. Wenn die Geduld nicht reicht, muß man bei jeder Kurskorrektur auch den Trimm ändern. Man muß Geduld haben, bis endlich Geduld kommt.
Gestern Abend sehe ich den schwärzesten aller schwarzen Squalls direkt vor mir, noch dazu in Form eines Trichters. Das muß der „black abbys“ sein, mit dem Davy Jones den Tod beschreibt. Da will man nicht rein. Also Genua runter, Motor an und nach Nordosten, um an der Luvseite daran vorbei zu kommen, egal wohin der Kurs auch führt. Aha, aus der Richtung kommt noch ein zweiter. Also mitten durch zwischen Scylla und Charybdis, was soll’s. Es klappt, die Windstärke geht nicht über 5 Bft. und zwischen den Regentropfen bleibt noch genug Luft zum Atmen.
Bei Annäherung an so ein Ding dreht der Wind immer um bis zu 180° zurück (nach links). Diesmal schafft er auch die restlichen 180° und damit die ganze Windrose, bevor er abstirbt. Ich muß 6h motoren, um meine Chance auf eine dienstägliche Ankunft zu wahren. Die beiden Amis haben da schon anderthalb Tage motort, wie ich erfahre. Disqualifiziert!
08. Mai 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Geschafft! Nach einem wilden Ritt am letzten Tag (raume 5 Bft., Durchschnittsgeschwindigkeit 8kn, herrlich) bin ich kurz vor 17:00 Uhr am Paß und pünktlich mit der Sonne fällt mein Anker ins ruhige Wasser.
Am nächsten Morgen fahre ich pflichtschuldig mit den Eingeborenen auf die andere Seite zum Einklarieren. Diesmal läuft alles ganz anders ab: zuerst soll ich zum Health Officer, der will mein Boot aussprühen.
Wo isses denn?
Auf der anderen Seite, hier ist es viel zu wellig und zu gefährlich zum Ankern!
Ach, das ist aber nicht erlaubt. Nun gut, hier ist meine Bescheinigung, hier ist das Spray, zahle 20$ Gebühr und mach es halt selbst. Dann gehst Du zum Bio-Security-Officer.
Das ist George, weil ich mit dem aber schon mal auf der Geburtstagsparty der Lehrerin seinen illegal selbstgebrauten Palmwein getrunken habe, muß der nicht unbedingt mein Boot nach verbotenem Gemüse absuchen, sondern braucht nur 20$ für seine Dienste, 20$ Eintritt und 2,50$/Tag Ankergebühr zu kassieren. Dann zu Immigration & Customs, das ist Andrew, der kennt mich ebenso und hat mir schon einen Thunfisch geschenkt, deshalb nimmt er auch nur 60$ und quittiert die.
Donnerwetter, das lief die ersten beiden Male anders. Da hat der Polizeichef das selber gemacht, hat mich nirgendwo rumgeschickt, damit das nicht zu offiziell wird, sondern hat einfach 80$ für (s)einen guten Zweck genommen und mich durchgestempelt. War wesentlich günstiger.
Rückwärts verdinge ich mich als Lotse bei meiner amerikanischen Einhandkollegin und führe auf ihrem Boot eine Flotte von drei amerikanischen Schiffen sicher über die gefährlichen Gewässer Penrhyns nach Te Tautua.
Dort werde ich mit großer Begeisterung, duftenden Blumenkänzen, gekühlten Kokosnüssen und leckeren Kokoskrabben empfangen. Im Gegenzug repariere ich heute gleich die erste Nähmaschine, zusammen mit einem der amerikanischen Kollegen.
10. Mai 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Diesmal wird anläßlich des reichlichen Besuches tatsächlich ein richtiges Kai-Kai veranstaltet. Da am Freitag die Tochter des Polizeichefs von Omoka 21 Jahre alt wird, werden hier - für das ganz große Kai-Kai dort - drei Schweine massakriert, um dann auf der anderen Seite in den Erdofen verbracht zu werden. Das passiert morgens vor dem Aufstehen und ist nicht zu überhören, denn die Viehcher werden traditionell nur durch Eröffnung der Halsschlagader ihrer Bestimmung zugeführt. Dadurch fällt natürlich eine große Menge Blut samt Herzen und Lebern an, was wiederum die Grundlage für einen hervorragenden Blutkuchen zum hiesigen Kai-Kai liefert. Meine amerikanischen Kollegen lehnen dankend ab, ich gehe bis an meine Leisungsgrenze. Zur Verdauung gibt's a Musi.
Das Geburtstagsfest ist liebevoll und umfassend vorbereitet, es werden (laute) Hymnen gesungen, (zu viele) Reden geredet und (viel zu viel) gegessen. Ich bin beim ersten Gang ans Buffet vom Perlausterragout und beim zweiten vom Erdofenschwein begeistert, die Eingeborenen kommen mir jedesmal mit Bergen von Schokoladenkuchen entgegen. Das sieht man dann auch. Ganz Omoka beherbergt 3 schlanke Damen, eine ist maximal 16, die andere ein Halbblut und die Jubilarin steht gerade noch an der Grenze. Die Tänzerin im klassischen Kostüm ist dagegen schon weit drüber.
12. Mai 2025, Te Tautua, Penrhyn (Cook Islands)
Tauchen (an den Bommies), reparieren (UKW-Antenne im Mast, Nähmaschinen, Dremel, Kettensägen etc.an Land), essen, trinken… Mittwoch geht es weiter Richtung Suwarrow.
15. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 260nm NE-lich von Suwarrow
Der Start ist etwas holprig, ich fahre bei den anderen drei Booten zum Abschied und zum Winken vorbei und bei der Rückfahrt zu meiner Kurslinie auf einen Bommie. Zum Brüllen. Er ist nicht sehr groß und ich komme wieder frei, die anderen rasen per Dinghy herbei und drücken und schieben. Der Tauchgang ergibt Lackschäden am Ruder, das muß sowieso neu beschichtet werden, das gute Coppercoat aus Tahiti löst sich in Flecken wieder ab.
Die Ausklarierung und die Ausfahrt aus dem Atoll klappen gut, allerdings ist seit gestern Abend Mistwetter. Ein Squall jagt den anderen, ich kann nicht schlafen, sondern bin mit Einreffen, Ausreffen und Ausweichen beschäftigt. Der Wetterbericht sagt Ostwind voraus, im Moment kommt der Wind aus NNW. Der Wahrheitsgehalt der Wolken- und Regenvorhersage ist leider viel höher. Es soll die ganze nächste Woche regnen…
Dann lieber noch ein paar schöne Bilder von oben und ein letzter Blick auf das Motu am Paß von Penrhyn.
18. Mai 2025, Suwarrow (Cook Islands)
Gestern 17:30 stehe ich doch noch am Paß von Suwarrow und 18:00 fällt der Anker auf 9m, neben einem Korallenfleck. Das Wasser ist erstaunlich klar, das läßt tief blicken. Es folgen in Windeseile die obligate rituelle Waschung und das obligate rituelle Ankerbier. Insgesamt habe ich 7h motoren müssen, um mir die Chance auf eine Ankunft noch am Samstag zu wahren, das hat zum Glück geklappt. Auch weil der letzte Tag dann doch die angesagten 5Bft. aus Ost liefert, so daß ich ziemlich zügig unterwegs sein kann
Verluste: ein Mastrutscher ist zerbrochen, leider habe ich keinen Ersatz dabei, daran habe ich nicht gedacht. Auf der ENTERPRISE gab es noch welche… Also werde ich etwas basteln müssen.
Ein Boot liegt schon hier, es sind Unioner! Sogar Réunioner, um genau zu sein. Nach der Ankerkontrolle bin ich zur Begrüßung rüber geschorchelt und hoffe nun, daß sie mich morgen mit ihrem Dinghy zum Strandbesuch von anchorage island abholen. Dann brauche ich meins nicht aufzupusten. Habe sie mit der Aussicht auf Cappuccino angeködert.
Auf der der Insel ist kein Mensch, normalerweise sind hier von Mai bis Oktober zwei Ranger stationiert, die die Yachten abkassieren und ihnen Kokoskrabben besorgen im Tausch gegen Bier und Zigaretten. Es scheint momentan Nachwuchsprobleme zu geben oder der Versorgungsdampfer ist mal wieder kaputt.
Suwarrow ist eine von den Russen entdeckte Insel und nach dem Schiff benannt, mit dem Kapitan Lazarev seinerzeit hier war, der „Suvorov“ („Сувoров“). Die Cookies haben die Insel dann in Suwarrow umgeschrieben und sprechen es mittlerweile auch so aus „Suhwarrou“. Jedenfalls hat hier der Neuseeländer Tom Neale in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Jahre mutterseelenallein gelebt und darüber sein „An island to oneself“ geschrieben, ein für mich faszinierendes Buch. Ich habe anläßlich der Entdeckung seines Grabes in Rarotonga ja schon darüber berichtet. Wenn die Unioner vorbeikommen, werde ich mir morgen seine alte Hütte und sein Habitat anschauen können.
19. Mai 2025, Suwarrow (Cook Islands)
Die Empfehlung des Wetterberichts lautet: fahre morgen weiter oder warte eine Woche. Ich nehme morgen.
Heute gehe ich mit den Unionern an Land, der Lockruf des Kaffees hat gewirkt, zumindest beim Capitaine, weil sie gar keinen trinkt.
Von Tom Neale sind nur noch sein Selbstbildnis und eine alte Steinplatte übrig, die Behausung hat sich dramatisch verändert, es ist quasi ein Skyscraper entstanden. Sonst macht alles einen etwas verfallenen Eindruck, der nächste Ranger hat ordentlich was aufzuräumen. Die Jagd auf Kokoskrabben schenke ich mir, dafür erlege ich drei Trinknüsse und eine Uto (gekeimte Kokosnuß). Die Unioner meinen, die könne man nicht mehr essen, die wäre schon schlecht. Erstaunlich, denn auf Réunion wachsen ja auch Palmen und sie ist eine Eingeborene. Man ist fürchterlich erstaunt, was da Leckeres zum Vorschein kommt und bittet mich dann, noch eine zum Mitnehmen auf’s Schiff für sie zu öffnen.
Irgendwelche Russen haben vor Jahrzehnten am Strand auch eine Gedenktafel für Kapitan Mikhail Lazarev hinterlassen.
21. Mai 2025, 13° 37’S, 165°37’W, 300nm vor Amerikanisch Samoa
COG: 260°
SOG: 6kn
Etmal: 135nm
Wind: E 4Bft.
Wellen: 1,5m
Strömung: N 0,7kn
Wetter: heiter, 30°C
Segel: Genua + Fock als Passatsegel
Der Passatwind scheint doch nicht ausgestorben zu sein, da geht noch was. Was gar nicht geht, sind die Squalls – die sind eine echte Plage. Natürlich fallen sie nachts über einen her, ganz schnell und ganz heftig, mit über 35kn. Die Initial-Bö kommt so schlagartig, daß das Schiff gewaltig krängt und sich dadurch in den Wind dreht, wobei natürlich die ausgebaumte Fock back kommt. Das kann die Windsteueranlage erst mal nicht verhindern. Als das Schiff dann wieder abfällt und die Fock mit Schmackes in ihre alte Position zurückdonnert, knallt es laut und die Fockschot bricht. Grrrr…
Nach der Bö kommt der Starkregen, der eignet sich ungemein, um die flatternde Fock und die Schotreste einzusammeln. Phase 3 ist die Fastflaute, in der man dann in aller Ruhe die Ersatzschot montieren kann.
Neue Idee zu der Problematik: bei akuter Squallgefahr zusätzlich zur Windsteueranlage noch den elektrischen Autopiloten einschalten und fast vor den Wind gehen, damit möglichst wenig Krängung bei den Hammerböen auftritt. Reffen alleine reicht nicht.
Die Angelei ist auch wieder angelaufen, der erste Köder ist schon weg. Der Wirbelschäkel hat sich sauber aufgebogen, das geht laut Verpackung erst ab einer Belastung von über 38kg. War wohl ein dicker Fisch.
24. Mai 2025, Pago Pago (Amerikanisch Samoa)
Tatsächlich schaffe ich die 450nm doch noch in drei Tagen und bin am Freitagnachmittag rechtzeitig zur Einklarierung ohne Wochenendzuschlag („overtime fee“) im Hafen. Erstmals seit langem wieder längsseits an einer Kaimauer, bei der man auch noch mit 1m Tidenhub rechnen muß. Es kommen nacheinander 6 Beamte an Bord (alle reisen in gewaltigen Pickups mit Klimaanlage und getönten Scheiben an) und lassen mich ihre Formulare ausfüllen. Die Kontrolle fällt locker aus, man findet nicht mehr Zigarillos als angegeben. Es kostet nichts!?! Da warten wir mal auf die Ausklarierung.
Die letzte Nacht auf See kostet mich noch eine Genuaschot (knall!) und der letzte Tag meine vietnamesische Angelspule, die unbemerkt ins Wasser fällt, sich abspult und dann abreißt. Jetzt nehme ich leere Plastikflaschen zum Aufwickeln der Schnur.
Der Hafen ist dreckig, es regnet dauerhaft, der ganze Dreck der Berge und der Straßen wird ins Wasser gespült. Gegenüber steht das Kraftwerk und sorgt für die Geräuschkulisse, daneben die Thunfischfabrik, die für den Geruch zuständig ist. Aber der Hardwarestore ist sehr gut ausgestattet, auch die Supermärkte sind okay. Morgen fahre ich zum Marktführer in die Stadt für die paar Sachen, die ich fußläufig nicht bekommen habe.
Mit der Kulinarik sieht es eher mau aus, der „Sadie Thompsons Inn“ hat zwar eine gute Küche, aber für ein Ribeye Steak werden 150$ aufgerufen. In der Schleimspur der Amerikaner kriechen auch immer die Chinesen mit, daher bestelle ich im örtlichen Cinarestaurant Peking-Ente mit Reis. Auch die anderen Läden sind fast komplett in chinesischer Hand. Dort erstehe ich günstig Stifte, Blöcke, Scheren, Schraubenzieher, Flip-Flops, Duschgel, Lesebrillen u.ä., Gastgeschenke und Tauschwaren für die abgelegenen Inseln Melanesiens. Früher taten es noch Glasperlen und Spiegelscherben. Schnaps und Zigaretten, auch beliebte internationale Währungen, sind zu teuer und zollgefährdet.
26. Mai 2025, Pago Pago (Amerikanisch Samoa)
Morgen will ich ausklarieren und nach Tonga weiterfahren. Western Samoa muß ich auslassen, der Wind soll gegen Ende der Woche mit Stärke 6 aus SE wehen, dann komme ich dort nur sehr schwer wieder weg. Da fahre ich die 210nm nach Niuatoputapu in Tonga doch lieber mit den für morgen und übermorgen angesagten 4-5 aus E und mache mir es dann im Atoll gemütlich. Die örtlichen Langzeitlieger bestätigen, daß PagoPago von allen bisher besuchten Orten der mit der höchsten Regenmenge wäre.
Für mich besteht der Rekord darin, hier das bisher größte A… auf meiner Reise getroffen zu haben. Der freundliche Hafenmeister bietet mir an, meinen schweren Kanister von der Tankstelle zurückzufahren und borgt noch zwei weitere von einem der Langzeitlieger, damit ich nicht so oft gehen muß. Als er hört, daß ich zum 15km entfernten großen Supermarkt will, bietet er an, mich hinzufahren, er müsse sowieso dort einkaufen. Gut, ich soll die Spritkosten übernehmen. Die belaufen sich dann auf 20$, meinetwegen, die 8 Zylinder müssen irgendwie gefüllt werden. Allerdings stellt er dann fest, daß das Auto ja seiner Schwester gehört und die müsse ja auch 20$ kriegen. Und heute steht er mit einer handgeschriebenen Rechnung vor dem Schiff, für alle seine services des Vortages wären auch 30$ fällig, Leihgebühr von 5$ pro Kanister des Seglerkollegen einbegriffen. Damit hätte ich im Sudan oder in Ägypten gerechnet, aber nicht in Polynesien. Sind die Amis schuld?
Die sorgen jedenfalls dafür, daß hier nix unter 8 Zylindern und 5l Hubraum auf die Straße kommt, es gibt im Prinzip nur Pickups. Die Busse dagegen sind vorsintflutlich mit Holzkarosserie und Holzbänken.
29. Mai 2025, nördlicher Südpazifik, 85nm vor Niuatoputapu
Die Ausklarierung aus American Samoa ist wie befürchtet mit 150$ recht hoch bepreist. Es kommt auch keiner an Bord, man muß selber zu den Behörden (mittels Holzbus).
Obendrauf gibt es als Schmankerl gleich nach dem Verlassen der Bucht einen Squall mit Stärke 8 und RICHTIG viel Regen. Ich habe ihn kommen sehen und (fast) rechtzeitig gerefft. Trotzdem muß das Achterliek der Genua jetzt nachgenäht werden. Das der Nationalen auch, die hatte ich noch nicht gerefft.
Heute scheint dafür die Sonne und der Wind weht raum mit 5-6Bft., die ich gar nicht brauche, im Gegenteil, ich muß bremsen, um nicht morgen vor Sonnenaufgang am Paß zu sein. Deshalb habe ich das Großsegel und die ramponierte Genua durch das Focksegel ersetzt. Es schaukelt ordentlich.
Diesmal fällt der 28. Mai 2025 der Datumsgrenze zum Opfer. Hab ich irgendwas verpaßt?
30. Mai 2025, Niuatoputapu (Tonga)
Natürlich hab ich was verpaßt, den Vatertag! Deswegen also keine Anrufe, Danksagungen oder Glückwünsche meiner Kinder.
Zur Entschädigung für den Anfang ist das Ende dieser Überfahrt ganz entspannt und friedlich und ich bin pünktlich nach Sonnenaufgang vor dem Paß, der tatsächlich vorbildlich betonnt und mit Richtbaken markiert ist. Der Ankerplatz ist frei von Bommies, der Anker sitzt auf Anhieb und fest. Die Behörden kommen nach dem Lunch an die Pier und winken, dort kann man sie dann mit dem Dinghy abholen. Alles läuft freundlich und mit oberflächlicher Kontrolle ab und ist mit 15$ ansprechend bepreist.
Ich mache einen langen Spaziergang (der dritten Aufforderung zum Einsteigen gebe ich mich auf dem Rückweg dann geschlagen) entlang der Küste. Neben den Hongy Tongies leben hier noch viele Schweine und Pferde. Die Insel ist groß, hat fürchterliche Straßen, drei Dörfer, einen Laden (ohne Bier) und eine Bank (ohne Geldwechsel). Das paßt ja zusammen. Ich bin zum Segelnähen und zum Warten auf leichten Nordost hier. Und zum Badengehen, das ist schön nach der Dreckbrühe in Pago Pago. Einen australischen Ankerkollegen gibt es noch.
1. Juni 2025, Niuatoputapu (Tonga)
Das Achterliek der Genua ist repariert, ich schaffe es tatsächlich ohne Katatstrophen, das Segel bei 4 Bft. runter- und wieder raufzuziehen. Auch die anderen Näh- und Spleißarbeiten sind erledigt, morgen werde ich mal auf die Insel gehen und mich umsehen. Eine Weiterreise vor Donnerstag ist nicht angeraten, bis dahin bläst es mit 5-6 aus ESE.
Die Australier laden mich zum Dinner ein, es gibt Mahi Mahi auf Kürbisstampf und Rotwein, sehr gut. Wegen ihres Slangs fällt es mir schwer, ihrem Gespräch zu folgen. Stolperfallen sind auch immer Namen, die im Englischen komplett anders klingen, z. B. ist „Haibäskes“ schlicht der Hibiskus.
3. Juni 2025, Niuatoputapu (Tonga)
Die Aussies sind heute schon weg, bei 6 Bft. aus Osten, aber die fahren downwind nach Wallis. Ich werde am Freitag kurz vor Sonnenaufgang mit dann nördlichem Wind die 175nm nach VaVa’u in hoffentlich einer Nacht absolvieren. Einen Termin zum Ausklarieren habe ich für Donnerstag vereinbart.
Man muß halt entspannt an die Sachen rangehen, das können die Tongies ganz vorzüglich, denn hier beginnt die Kava-Kava-Region. Bereits vormittags sieht man sie schon überall rumliegen, und wenn die reichlich zwischen den Bäumen aufgespannten Hängematten nicht ausreichen, dann eben auf der Wiese. Und anders als die Polynesier im Osten, die ihre Matten, Hüte und Taschen aus Kokosblättern flechten, machen sie hier alles aus Pandanusblättern (die Plantage hinter mir). Insbesondere Matten, die mit dicken Seilen um den Leib geschlungen werden (Ta’ovala). Früher war das sicherlich die einzige Kleidung, heute kommt es einfach über die Hose oder das Kleid drüber.
Zu Beginn meiner Berufslaufbahn habe ich ja noch Kava-Kava-Tabletten verkaufen dürfen, das war ein probates Anxiolytikum und leichtes Sedativum. Dann wurde es wegen angeblicher Leberschädigungen vom Markt genommen. Hier konsumiert das ganze Volk täglich ein Vielfaches davon und es gibt keine Leberschäden. Erstaunlich, erstaunlich…
5. Juni 2025, Niuatoputapu (Tonga)
Das Dinghy ist verstaut, die Fracht ist an Bord. Es handelt sich um zwei große Ballen bearbeiteter Pandanusblätter zur Mattenproduktion, die mir von einer Eingeborenen übergeholfen wurden und die ich in VaVa’u ihrer Verwandschaft ausliefern soll. Da die Blätter gekocht und die Ballen in Folie verpackt sind, hoffe ich, daß ich mir keine Illegalen an Bord hole.
Der seit einer Woche tüchtig blasende ESE soll immer noch laut aktuellem Wetterbericht heute Nacht etwas abflauen, auf ENE und im Verlauf des morgigen Tages weiter über N nach NW drehen. Das paßt alles, klingt aber nach Arbeit beim Segeln. Und das beginnt schon mit dem Aufstehen vor Sonnenaufgang…
Ein amerikanischer Kat ist gerade aus Bora Bora eingetroffen, das sind fast 1.300nm, 9 Tage hätten sie gebraucht, bei Windstärke 5-6, das macht über 140nm pro Tag. Nicht schlecht. Ein Lagoon 42, scheint ganz gut zu laufen.
7. Juni 2025, nördlicher Südpazifik, 35nm vor VaVa’u (Tonga)
Eine Segellatte muß auf die Verlustliste. Die Tasche am Achterliek hat sich geöffnet, weil die Naht aufgegangen ist. Als ich sie hinten rausgucken sehe, versuche ich sofort, das Großsegel runterzunehmen, aber dabei flattert es ein bißchen und flapp-flapp flattert die Latte komplett raus und in den Teich. In Fidschi haben sie neue, bestimmt.
Aber es lauern noch viel schröcklichere Gefahren im Meer, die man erst sieht, wenn man sie sieht, nachts also nicht. Auf der Karte links neben dem Schiff und ist ein kleiner Fleck mit der Bezeichnung OKU. Links oben liegt die Insel Fonualei, klar zu sehen. Aber was ist das? Bei größtem Zoom (im 2. Bild links unter den konzentrischen Tiefenlinien) sieht man auch nicht mehr. Dann wird es wohl nichts Schlimmes sein. Denkste, in natura sieht das aus wie eine ernsthafte Insel und wenn mann bei Google Earth guckt, bestätigt sich der Verdacht. Das ist die relativ harte Insel Toku mit über einem Kilometer Durchmesser, nicht soo viel kleiner als Fonualei. Schröckliche Gefahren, förchterlich schröckliche…
10. Juni 2025, Afu Island, VaVa’u Archipel, (Tonga)
In VaVa’u ist es knackevoll, man muß an Moorings festmachen und die meisten sind von den Teilnehmern der ARC World, der Pacific Rallye 2025 und des Mini Globe Race belegt. Gut, letztere bunte Teile sind nur 5,80m lang und nehmen wenig Platz weg, aber eben doch eine Mooring. Die DESTINY ist behilflich bei der Findung einer noch freien und der Befestigung an selbiger.
Am Pfingstsonntag gehen wir gemeinsam in die katholische Kirche, das ist eindrucksvoll: die Hongy Tongies singen von allen Völkern bisher am lautesten und meisten. Ihre Tracht mit den umgegürteten Pandanusmatten ist dagegen gewöhnungsbedürftig.
In der Stadt kann man sich ausreichend verproviantieren, es gibt viele Chinesenläden und einen gut sortierten Gemüsemarkt. Gleich am Ufer bietet die Mango Bar lecker Essen (ich nehme wie immer Poisson Cru) und kühles Bier.
Trotzdem verziehen wir uns gestern in eine abgelegene und vollkommen geschützte Bucht, denn zum Baden ist das Wasser vor der Stadt mit den ganzen Booten nicht so einladend. Meine anderen Segellattentaschen und weitere diverse Nähte an den Segeln kann ich hier genausogut reparieren.
Der Weg führt 12nm durch das Inselgewirr des VaVa’u Archipels fast im Kreis bis 3nm südlich der Stadt. Ich kann die ganze Strecke segeln, das Kreuzen mit der Selbstwendefock in glattem Wasser ist mal etwas anderes. Die Inseln sind herausgehobene Korallen, an der Wasserlinie unterspült, und sehen recht ansehnlich aus. Alles ist grün, wobei die Palmen schon von den Nadelbäumen übertrumpft werden. Die fast 3 Grad weiter nach Süden von Niuatoputapu haben mich doch dem Polargebiet merklich näher gebracht, ich brauche jetzt des nächtens auch eine Decke.
Das letzte Bild zeigt einen wirklich konsequenten Katamaran. Zwei Rümpfe, zwei Masten.
11. Juni 2025, Afu Island, VaVa’u Archipel, (Tonga)
Hier herrscht tiefster Winter, wie man sieht. Aber in zehn Tagen ist Sonnenwende, dann geht es langsam wieder aufwärts.
(Freitag, der) 13. Juni 2025, Afu Island, VaVa’u Archipel, (Tonga)
Es gibt wenig zu berichten, denn es ist wenig passiert. Ich habe keinen Fisch gefangen, obwohl ich mit Blinkern und Silberpapier als Köder experimentiert habe und es reichlich Fische gibt, man sieht und manchmal hört man sie sogar (weil die kleinen dann unter Bejagung wie eine Silberfontäne aus dem Wasser springen). Ich habe tapfer geputzt und repariert, aber das ist ja nix Neues. Die Scharniere sämtlicher Schranktüren sind mittlerweile verrostet, man hat natürlich die billigen Blechdinger benutzt, wie in normalen IKEA-Schränken halt auch. Der Unterschied zwischen dem Bestimmungsort eines IKEA-Schrankes und dem eines seegehenden Schiffes war den Jungs bei HANSE wohl nicht ganz klar. Nun stehen sie vor dem Bankrott, an den Scharnieren kann es nicht gelegen haben, die waren sicher günstig.
Die Gegend ist absolut friedlich, das Wasser mit nur 26° ein wenig frisch, da gehe ich nur einmal und nur mittags baden.
Sundowner auf der DESTONY, Grillabend auf der RESOLUTION, man muß die Zeit ja rumkriegen. Die Weiterfahrt nach Fidschi ist demnächst zwingend nötig, aber das Wetter sieht nicht so einladend aus. Erstmal kommt Flaute. Danach könnte es frühestens am Dienstag losgehen, aber dann gleich mit heftigem Wind (lt. Vorhersage bis 25kn) und es muß schnell gehen, weil der Wind immer heftiger wird. Für die 440nm nach Suva hätte ich gut 3 Tage, da müssen 3 Etmale von 140nm gefahren werden. Morgen fällt die Entscheidung.
14. Juni 2025, Otea, VaVa’u Archipel, (Tonga)
Dienstag geht es weiter. Wir haben uns schon 7nm Richtung Stadt und Zollbehörde bewegt und ankern in einer anderen Bucht. Hier gibt es Höhlen und Riffe und ein österreichisches Gourmetrestaurant, was aber erst übernächste Woche die Saison eröffnet.
16. Juni 2025, Port Maurelle, VaVa’u Archipel, (Tonga)
Zum Ausklarieren muß man unbedingt mit dem Schiff zum Hafen kommen und am rostigen Fischerkai anlegen, anders geht es nicht. Aber dann will kein Mensch das Schiff sehen. Nun gut, es kostet nur 9 Panga und geht reibungslos vonstatten. Jetzt haben wir uns in eine verträumte Bucht Richtung Ausgang vorverlegt und genießen den Sonnenschein des letzten Abends in Tonga. Morgen früh geht es weiter, die DESTINY fährt nach Savusavu und ich nach Suva. In drei Tagen will ich es schaffen…
Im KRAKEN gibt es sehr gute hausgemachte Tortellini, gefüllt mit Lobster. Auf der DESTINY gibt es sehr gute hausgemachte Kürbissuppe, gefüllt mit Ingwer.
19. Juni 2025, südliche Lau-Inseln, 130nm vor Suva (Fidschi)
Es läuft zügig (und wellig), der Wind kommt tatsächlich wie vorhergesagt mit 4-5-6 Bft. aus S-SE-E. Da ich direkt nach Westen fahre, kann ich das Großsegel komplett einpacken, die Genua alleine reicht für 6-7kn Vortrieb. Und das ganze Gedödel und Gereffe und die Risiken, die dem Großbaum imminent sind, kann ich mir sparen. Die Genua arbeitet bei Windwinkeln von 50-180°. Bei Bedarf kann man sie schnell einrollen und unproblematisch halsen. Mein nächstes Schiff wird ein Zweimaster mit zwei Vorsegeln, ohne Baum. Oder eine Dschunke, da spart man sich zusätzlich noch sämtliche Wanten und Stagen. Die hat nur ein Segel, das zum Reffen stufenlos heruntergelassen werden kann und auch alle Windwinkel bedient. Verlorene Segellatten lassen sich leicht im nächsten Gebüsch durch Bambusstäbe ersetzen.
Eine späte, aber wichtige Erkenntnis. Es steht nur zu befürchten, daß ich auf dem Neubootmarkt gar keine und auf dem Gebrauchtbootmarkt verschwindend geringe Aussichten auf Erfolg haben werde. Also bleibt ein kompletter Neubau oder ein Umbau. Welches Schiff wäre dafür geeignet?
Fidschi soll die strengsten Einklarierungsregeln und -behörden haben. In der WhatsApp-Gruppe „Going to Fiji“ weiß man zu berichten, daß sämtliches Obst, Gemüse, alle Schweinefleischprodukte und Honig konfisziert würden. Falsch angegebene Mengen an Tabak und Alkohol zögen saftige Strafen nach sich, richtig angegebene, aber über der lächerlich kleinen, erlaubten liegende Mengen, saftige Zölle. Deshalb esse ich jetzt seit Tagen nur noch Leberwurst, Erbsensuppe, Pork & Beans, Frühstücksfleisch, Tomaten, Gurken und Honigbrot. Die Alkoholvorräte sind schon stark dezimiert, aber die werden unterwegs nicht alle. Zumal ich sehr aufpassen muß, denn auf dem Weg nach Suva liegen die wunderschönen Lau-Inseln, durch die ich mich (nachts natürlich) hindurch schlängele und die ich nicht besuchen darf. Man muß zuerst einen deklarierten „Port of entry“ (z.B. Suva) zum Einklarieren anlaufen und darf keinesfalls auf dem Weg dorthin irgendwo anhalten oder ankern. Sonst ganz saftige Strafe in Verbindung mit Einreiseverbot.
Eine der Inseln, die ich passiere, ist Vanua Vatu, nicht zu verwechseln mit dem Staat Vanuatu (früher die Neuen Hebriden), der kommt nach Fidschi, also im August oder September, je nachdem, wie lange es mir in Fidschi gefällt.
22. Juni 2025, Suva, Viti Levu (Fidschi)
Mit Etmalen von über 150nm komme ich pünktlich am Freitagmorgen in Suva an, die Behörden kommen nach dem Lunch und sind entsprechend postprandial milde gestimmt. Keine Konfiszierungen, keine Probleme. Habe meine 3 Flaschen Wein, meinen Honig und meine Erbsensuppe mit Schweinefleisch immer noch. Am Montag muß ich alle Behörden allerdings nochmal besuchen, um ihre Rechnungen in Landeswährung zu begleichen und meinen gestempelten Paß abzuholen. Die dazu nötigen Fiji $ habe ich inzwischen besorgt und schon ein paar davon auf dem hiesigen, sehr überzeugenden Gemüsemarkt ausgegeben. Der ist riesig und duftet nach allen Wohlgerüchen der Südsee, insbesondere in der Gewürz- und Kava-Kava-Abteilung. Der Fischmarkt duftet anders (da gibt es u.a. liebevoll mit Pandanusblättern verschnürte lebende Krabben).
Suva ist eine quirlige Stadt, viel Verkehr, viele Leute, viele Läden. Vom chinesischen Kramladen bis zur amerikanisch anmutenden Shopping Mall ist alles vertreten. Ich frequentiere einen Barbershop, der von einem kugelbäuchigen Chinesen betrieben wird und mit 20 Fiji $ (8€) recht günstig ist.
Die meisten Einwohner sind Melanesier, im Unterschied zu den Polynesiern (etwas) leichter, aber tatsächlich schwärzer, mit krausem Haar und ein bißchen an australische Aborigines erinnernd. Also nicht die Südseeschönheiten, die die Jungs von der BOUNTY damals so begeistert haben, daß sie unbedingt wieder nach Tahiti zurück wollten. Das originale Ruder der BOUNTY wird übrigens im hiesigen Landesmuseum ausgestellt, ich habe es mir angesehen: es ist nicht mehr zu verwenden.
Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit fast 40% sind Inder, die Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten in rauen Mengen als Plantagenarbeiter herangekarrt wurden. Mittlerweile haben die wegen ihres Fleißes die wichtigsten Stellen im politischen und wirtschaftlichen System Fidschis besetzt, was wiederum die Eingeborenen stört. Es gibt wohl eine politische Bewegung wie „Fidschi den Fidschen“, aber auf den Straßen merkt man nichts davon. Wenn die einen Kava-Kava trinken und die anderen arbeiten, paßt doch eigentlich alles. Ein Problem entsteht erst, wenn das Kava-Kava alle wird…
23. Juni 2025, Suva, Viti Levu (Fidschi)
Oh, das ist anstrengend. Den halben Tag bin ich damit beschäftigt, den Behörden mein Geld hinterherzutragen und gaaanz wichtige Papiere zu besorgen. Man muß das unter Sightseeing abbuchen, ich bereise dazu die halbe Stadt von der Westküste bis zu den östlichen Bergen. So ein bißchen englisches Empire und victorianischer Stil sind noch zu erkennen.
Zunächst muß ich mit dem Taxi (alle Fahrten kosten 2-3€) zum Zoll, da kriege ich meinen gestempelten Paß und Handlungsanweisungen.
Dann zu Biosecurity (fußläufig erreichbar), nur 40€ bezahlen.
Dann mit dem Taxi zum Ministry of Health, 90€ bezahlen und die Quittung fußläufig zur Quittungsstelle bringen.
Dann mit dem Taxi zum Tourismusministerium, dort bekomme ich ein Cruising Permit für 3 Monate. Die sind in Partystimmung und wollen kein Geld, es findet gerade eine melanesische Festwoche statt, Besucher von Papua-Neuguinea bis Neukaledonien tummeln sich in den Festzelten, an den Palmen ringsum sind fette Schweine angebunden und warten darauf, daß der Erdofen angeheizt wird.
Dann mit dem Taxi zurück zu Customs, die brauchen eine Kopie vom Crusising Permit und geben mir dafür eine Domestic Clearance und eine Emailadresse, bei der ich wöchentlich berichten soll, wo ich bin, wo ich hin will und wer an Bord ist.
Dann zur Wechselstube, um Vatu einzutauschen, das ist die Währung von Vanuatu und klingt auch logisch.
Dann weiter zu Vodafone, um eine lokale SIM-Karte zu erwerben. Es gibt mehrere Filialen, gut erkennbar an den langen Schlangen davor. Die hiesigen Karten lassen sich nicht online aufladen, man muß persönlich vorstellig werden. Das schafft Arbeitsplätze und bringt die Leute auf die Straße.
Dann zu einem Watch Shop, meine Uhr braucht eine neue Batterie und das Armband einen neuen Steg. Wunderschöne chinesische Markenuhren sind hier für 10€ zu haben, das ist billiger als die Reparatur, ich entscheide mich spontan um.
Dann zum Vegetable Market, um Kava-Kava für den Chief des nächsten Dorfes zu kaufen, vor dem ich ankern will. Wenn ich länger als einen Tag bleibe, soll ich zum Sevusevu erscheinen und auch mein Cruising Permit vorweisen.
Daneben im Fischmarkt werden zum Lunch kleine Asietten mit allerlei exotischem Getier als Fastfood angeboten, ich wähle etwas, das besonders exotisch aussieht, aber definitiv keine Fluchtversuche mehr unternehmen kann: es schmeckt original wie saurer Hering in Sahnesauce!
Das Wetter ist echt winterlich katastrophal: windig, böig und alle paar Minuten regnet es. Morgen soll es noch windiger werden, aber übermorgen oder spätestens den Tag darauf muß ich weiter. Die Südwestküste Viti Levus bietet zum Glück ausreichend Buchten und Ankerplätze, so daß ich mich in kurzen Tagestrips hoch nach Denarau hangeln kann (insgesamt über 100nm).
25. Juni 2025, Suva, Viti Levu (Fidschi)
Mittlerweile hat sich die Wetterlage etwas beruhigt, ich werde morgen früh loszuckeln Richtung Denarau. Nach 20nm kommt die erste Ankerbucht, nach 30nm die zweite, nach 35nm die dritte. Das sollte klappen. Also fahre ich heute nochmal in die Stadt (Taxifahren gehört mittlerweile zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, man wartet maximal 2 Minuten auf eines), um mich im Super- und auf dem Gemüsemarkt final zu verproviantieren. In ersterem erstehe ich namentlich sehr passende Rotweine, auf zweiterem die passenden Vitamine. Und diesmal gibt's keinen Heringssalat zum Lunch, sondern Oktopus.
Um am Ufer im Royal Suva Yachtclub mein Dinghy anbinden zu dürfen, muß ich natürlich erstmal Mitglied werden. Ist noch jemand Mitglied in einem königlichen Yachtklub? Mit bürgerlichen rede ich ab jetzt nämlich nicht mehr. Jedenfalls nicht vor dem 22.07.25 (wenn meine Mitgliedschaft abgelaufen ist).
Suva hat mir sehr gut gefallen, genau die richtige Mischung aus Großstadt und Provinz, Hektik und Gelassenheit, Verfall und Moderne, Freundlichkeit und Geschäftigkeit, Exotik und Zivilisation, Melanesien und Indien, China und England.
29. Juni 2025, Likuri Island, (Fidschi)
An der Südküste von Viti Levu gibt es nicht nur geschützte Ankerplätze, sonder auch den passenden achterlichen Wind, um diese zu erreichen. Was es nicht gibt, ist Fisch. Selbst der altbewährte pinke Tintenfischköder zeigt keine Wirkung.
Da ich Zeit habe, weil mein Hafenplatz erst morgen frei wird, kann ich schon ein paar vorbereitende Arbeiten für die „Einwinterung“ machen, zum Beispiel den Wassermacher konservieren.Und nach der zu tauschenden Starterbatterie schauen, denn die vom örtlichen Händler angebotene hat natürlich etwas abweichende Maße und Anschlüsse. Dabei finde ich wieder Wasser im Batteriekompartiment und heraus, daß die komplette Bodenplatte demontiert werden muß, um die Batterie zu tauschen. Auf der wiederum wurde aber mittlerweile der Wassermacher montiert. Das wird ein Spaß…
Spaß gibt es auch an Land, das auf der kleinen Insel Likuri beheimatete „Robinson Crusoe Ressort“ bietet am Samstagabend Buffet mit Tanz- und Feuershow. Ich kaufe mich ein, das Buffet stammt aus dem Erdofen (einfach und gut), einige der Tänzerinnen aus den frühen Sechzigern (alt und fett). Während bei den Herren schon knackige Mittzwanziger vertreten sind, scheint es bei den Damen Nachwuchsprobleme zu geben. Aber die Show ist sehenswert, tanzen können alle und sind mit Spaß bei der Sache.
Inkludiert ist auch eine Kava-Kava-Zeremonie, ich probiere also erstmalig das (u. a. wegen seines schlechten Geschmacks) berühmte Getränk. Wahrscheinlich wird es für die Touristen etwas dünner hergestellt, kaum Geschmack, keine Wirkung. Da geht noch mehr.
29. Juni 2025, Momi Bay, Viti Levu, (Fidschi)
Ich robbe etwas näher an mein Endziel Denarau heran, das Wetter ist gut, der Wind kommt kräftig aus Südost und ich habe nach dem gestrigen Arbeitstag einen Segel- und Angeltag verdient. Aber wohl keinen Fisch.
Die Leeseite der Insel macht (logischerweise) einen viel trockeneren und fast mitteleuropäischen und mittelgebirgigen Eindruck, Nadelbäume inklusive. Darauf steht keiner, die anderen sind alle auf den kleinen, vorgelagerten Paradiesen.
30. Juni 2025, Denarau, Viti Levu, (Fidschi)
Ziel erreicht. Unter Zuhilfenahme der Maschine, weil hinter der Insel der Wind komischerweise wegbleibt. Und gleich geht der Streß los, typisches Marinaleben: einchecken, zahlen, Gasflaschen wegbringen, Wäsche waschen, mich waschen, einkaufen, alle Werftfirmen aufsuchen: morgen soll eine neue Starterbatterie kommen, übermorgen eine neue Segellatte, nach meiner Rückkehr soll das Schiff aus dem Wasser gekrant und das Ruder neu mit Coppercoat versehen werden. Es gibt bei Baobab Marine einen schicken neuen 10PS-2-Takt-Außenborder von Mercury, aber man will fast 2.000€ dafür… Weihnachten ist noch so weit.
2. Juli 2025, Denarau, Viti Levu (Fidschi)
Neue Batterie, neue Segellatte, neues Gas, alles da. Deck und Dach sind geputzt, der Kühlschrank ist fast leer. Morgen früh um sechs geht’s los. Weil der Weg über Qatar führt, ist meine Ankunftszeit bereits um 6h verschoben worden. Toll.
Die Marina macht zumindest einen recht sicheren und gut bewachten Eindruck.
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